• vom 04.01.2016, 18:24 Uhr

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Update: 04.01.2016, 18:36 Uhr

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Chauvinismus




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Von Reinhard Göweil

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Kleinere, aber insgesamt wettbewerbsfähige Länder wie Österreich profitieren in aller Regel vom freien Welthandel. Unternehmen können sich so auf größeren Märkten bewegen - gut fürs Unternehmen, gut für die Arbeitsplätze. Trotzdem ist in Österreich die Stimmung gegen das Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP).

Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Vielleicht wird politisch zu viel über den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit geredet, das macht die Menschen ängstlich. Vielleicht haben sie aber auch ein gutes Gespür, denn die schmerzlich fehlende Wirtschaftspolitik ist für Österreich tatsächlich ein Konkurrenznachteil.

Jakob Kapeller von der Uni Linz schrieb in einer Studie über den Welthandel, dass 80 Prozent der Kontrollrechte an 43.060 multinationalen Konzernen bei nur noch 787 Firmen, etwa großen Fondsgesellschaften, liegen. Diese Konzerne profitieren vom Freihandel am meisten, doch immer weniger haben einen Profit davon. Alleine im transatlantischen Handel entfällt etwa ein Drittel der Warenströme auf Lieferungen innerhalb der Großkonzerne. Dass Großinvestoren daher für TTIP sind, verwundert wenig.

Länder wie Österreich können trotzdem dagegenhalten, allerdings benötigt die Politik dazu eine gehörige Portion Chauvinismus. Das heißt unverblümt, dass die Kontrolle über heimische Unternehmen viel weniger als bisher in ausländische Hände gerät. Eine Zerlegung der OMV, wie derzeit angedacht, käme also nicht in Frage. Auch andere Länder wie die USA, die Niederlande oder Deutschland frönen diesem Wirtschafts-chauvinismus. Dass die deutsche Automobilindustrie jemals in ausländische Hände geraten könnte, ist denkunmöglich und wird auch von der konservativen CDU abgelehnt. In den Niederlanden wurde das Kaufansinnen des mexikanischen Unternehmens Slim für die dortige Telekom abgelehnt - in Österreich kam er zum Zug.

Nun bedeutet dieser Chauvinismus aber auch, dass sich daraus kein Faulbett für die Unternehmen entwickeln darf, deren Produkte müssen nachgefragt sein. Dieses Spannungsfeld wäre ein wunderbares Betätigungsfeld für die Wirtschaftspolitik. Anstatt sinnbefreit über Nichtigkeiten zu streiten, könnte die Regierung ein neues wirtschaftspolitisches Konzept entwickeln, das die Entscheidung über industrielle Flaggschiffe in Österreich verortet. Dabei könnte sie sich gleich auch Gedanken machen, wie die 475.400 Arbeitslosen wieder eine Job-Perspektive erhalten.

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Dokument erstellt am 2016-01-04 18:29:06
Letzte Änderung am 2016-01-04 18:36:23



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