• vom 19.01.2016, 16:32 Uhr

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Update: 19.01.2016, 16:46 Uhr

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Wer sagt’s den Flüchtlingen?




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Der innerösterreichische Flüchtlingsgipfel erörtert, wie die Zahl der Schutzsuchenden reduziert werden kann. Was aber, wenn die Flüchtlinge davon nichts wissen und weiterhin nach Europa drängen? So tun, als ob es sie nicht gäbe - das fehlt noch als politischer Vorschlag, alle anderen sind bereits gemacht worden.

Im Bestreben, die Besorgnis der heimischen Bevölkerung zu nutzen, überbieten einander viele Politiker mit Obergrenzen- und Grenzschließungsfantasien. Soll so sein.

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Doch schon die "Hoffnung", winterliche Temperaturen würden die Zahl der Flüchtlinge reduzieren, hat sich als falsch herausgestellt.

"Grenzen dicht" würde also zweierlei bedeuten: In einem Domino-Effekt würden alle Balkan-Staaten ihre Grenzen ebenfalls schließen. Die über Griechenland hereinströmenden Menschen würden dort festsitzen. Der finanzielle Aufwand, um Griechenland (und zum kleineren Teil auch Italien) dabei zu unterstützen, wäre enorm. Die politischen Auswirkungen im ohnehin wackeligen Griechenland wären fatal. Viele der Menschen würden sich trotzdem auf den Weg nach Norden machen, sie wären Schlepperbanden ausgeliefert, die die grünen Grenzen nutzen.

Die Grenzschließungen schließlich würden zu einem Kollaps des Schengen-Systems führen, da jeder Lkw kontrolliert werden müsste. EU-Parlamentarier haben bereits vor massiven wirtschaftlichen Schäden für Betriebe gewarnt, da viele Lieferketten unterbrochen würden.

Selbst unter ausschließlich profanen Gesichtspunkten funktioniert das Konzept Grenzschließung also nicht.

Dass ausgerechnet Österreichs Nachbarn Ungarn, Slowakei und Tschechien sowie Polen nun Hardliner spielen und im Süden Europas "Internierungslager" für Flüchtlinge fordern, sollte alle Beteiligten beim Flüchtlingsgipfel am meisten aufregen. Es waren diese Länder, die Mitte Mai - also bevor es richtig losging - eine EU-Einigung mit Kontrolle der Außengrenze und eine faire Verteilung der Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer boykottierten. Wenn das im Mai funktioniert hätte, gäbe es heute kein slowenisch-österreichisch-deutsches Nadelöhr.

Es ist zwar bloß Rache und das Gegenteil von Trost, aber eben diese vier Länder würden bei einem Schengen-Zusammenbruch wirtschaftlich am stärksten leiden. Schranken und Beschränktheit sind halt verwandte Begriffe.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-01-19 16:35:06
Letzte nderung am 2016-01-19 16:46:03



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