• vom 10.02.2016, 13:56 Uhr

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Update: 10.02.2016, 22:00 Uhr

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Zeitgeist




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Von Reinhard Göweil

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Im Englischen gibt es keine adäquate Beschreibung dafür, also wurde einfach das deutsche Wort "Zeitgeist" eingebürgert. US-Kommentatoren verwendeten es nun nach den Siegen von Donald Trump und Bernie Sanders in den Vorwahlen von New Hampshire. Und dieser Zeitgeist wendet sich auch in den USA offensichtlich gegen das "Establishment", links wie rechts.

Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Establishment, das sind wohl die Vertreter des herrschenden Systems, an dessen Zukunft immer weniger Menschen glauben, vor allem Junge und eine verängstigte Mittelschicht.

Damit unterscheiden sich die Vereinigten Staaten gar nicht so sehr von Europa, bei den jüngsten Wahlen konnten vor allem links- und rechtspopulistische Parteien reüssieren.

Erstaunlich an dieser Entwicklung ist vor allem die Unfähigkeit des "Establishment" zur Innovation, sprich Erneuerung. Trump will US-Jobs retten, indem er dem freien Welthandel eine klare Absage erteilt, für die Republikaner ein Dogma. Er will die USA vollständig abschotten, auch gegen Flüchtlinge. Der "demokratische Sozialist" Sanders prangert an, dass nur Eliten ("die Wall Street") vom jetzigen System profitieren, während immer mehr Menschen auf der Strecke bleiben. Die Jungen glauben ihm das aufs Wort und haben Hillary Clinton eine schallende Ohrfeige verpasst.

Ähnliches ist in Europa zu hören. In Großbritannien hat Parteichef Jeremy Corbyn Labour deutlich nach links geführt, unterstützt vor allem von jungen Linken und Gewerkschaftern. In Italien und Griechenland üben sich die Regierungschefs Matteo Renzi und Alexis Tsipras in linker Rhetorik, in Spanien und Portugal gehen diese Parteien in Regierungsverantwortung.

Auch ganz rechts bilden sich neue Gruppen, etwa die AfD in Deutschland. In Österreich kratzt die FPÖ in Umfragen an der 30-Prozent-Marke. Ungarn und Polen sind nach rechts gekippt.

Zeitgeist eben. Die Frage ist, ob die etablierten Parteien und ihre jeweiligen Unterstützer in Wirtschaft und Lehre bereit sind sich zu erneuern. Für Unternehmen stellt sich die Frage, ob es nicht klüger wäre, Gewinne gerechter zu verteilen (an der Börse verlieren sie derzeit ein Vielfaches davon). Für die Politik stellt sich die Frage, wie Globalisierung gerechter und langsamer organisiert werden kann. Sollten die Antworten ausbleiben, werden künftig Regierende radikaler eingreifen, als allen lieb sein kann.

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Schlagwörter

Leitartikel, USA, Europa, Establishment

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-02-10 13:59:09
Letzte ─nderung am 2016-02-10 22:00:33



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