• vom 12.02.2016, 18:12 Uhr

Leitartikel

Update: 12.02.2016, 18:39 Uhr

Leitartikel

Kunst statt Grenzen




  • Artikel
  • Kommentare (23)
  • Lesenswert (38)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Göweil

  • Leitartikel

Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

"Unsere Träume müssen stärker sein als unsere Ängste." Der Satz des italienischen Regierungschefs Matteo Renzi anlässlich des Besuchs von Kanzler Werner Faymann in Rom mag realitätsfern klingen. Und, da er dies noch auf die Kultur Europas bezog, in manchen Ohren sogar ein bisschen verrückt.

Aber Renzi hat, aus welchen Motiven auch immer, den Finger in die Wunde gelegt. Europa braucht eine neue Erzählung, ein gemeinsames Lagerfeuer. Das ist die Kultur. Schriftsteller, Komponisten, Filmschaffende, Maler - Künstler jeglicher Provenienz schaffen ein "Wir", ohne andere auszugrenzen. Ein Binnenmarkt mag hilfreich sein, aber er wärmt die Seele nicht. Und so ein emotionaler Anker fehlt in Zeiten der Unsicherheit.

Werbung

Freie Kunst ist in der Lage, individuelle Meinungen, Herkunft und politische Überzeugungen zu überspringen. Und in einer Welt der Datenüberwachung und Terrorgefahr sind Kulturinstitutionen die Antipoden. Selbst wenn die österreichische Hymne Renzi an Mozart erinnerte und er seine Worte spontan wählte, ist ihm doch dafür zu danken. Denn sein Gedanke eröffnet allen die Möglichkeit, Europa als Ganzes zu begreifen.

Arbeiterkammer-Direktor Werner Muhm hat recht, wenn er die (aus anderen EU-Ländern, auch aus Deutschland) importierte Arbeitslosigkeit in Österreich beklagt. Doch sein Schluss, die EU-Freiheiten in Frage zu stellen, ist falsch. Das würde nur eine weitere Grenze bedeuten, einen weiteren Schritt in Richtung Nationalismus.

Richtig wäre es, die umfassende europäische Sozialunion zu fordern. Und für diese Forderung notfalls auch zu streiken. In den 1950ern war der damalige SPÖ-Obmann Bruno Pittermann deswegen gegen einen Beitritt zum EU-Vorläufer Montanunion, weil diese "ein kartellkapitalistisches Konstrukt" sei und bloß den fairen Wettbewerb unterdrücke. (Politisch gab es damals noch die Neutralität zu beachten.)

Wirtschaftspolitisch ist das bis heute so - die "Großen" profitieren, die "Kleinen" (Unternehmer wie Arbeitnehmer) nicht. Wo ist die europäische Sozialdemokratie, die dies in Frage stellt? Wo sind christlich-soziale Parteien, die sich ebenso für fairen Wettbewerb einsetzen? Nirgends, weil sie sich in einem undurchschaubaren rechtlich-technischem Gestrüpp verfangen haben, aus dem sie nicht mehr herauskommen. Die Kunst könnte mit einem Griff helfen.




23 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-02-12 18:14:05
Letzte ńnderung am 2016-02-12 18:39:44



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Warum nicht gleich?
  2. Seltsame Stimmung
  3. Adieu, Währungsunion
  4. Und wen wählen Sie? (Sagen Sie’s bitte nicht!)
  5. Wir werden uns noch wundern . . .
Meistkommentiert
  1. Ich wähle Van der Bellen - nicht
  2. Russlands digitaler Krieg
  3. Wir werden uns noch wundern . . .
  4. Schicksalsjahr 2017
  5. Verzweifelte Briten

Werbung