• vom 07.03.2016, 18:13 Uhr

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Update: 07.03.2016, 18:44 Uhr

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Die Straße von Otranto




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Die Meerenge zwischen Albanien und Italien (etwa 71 Kilometer) wurde von italienischen Behörden als neue "Schlepper-Destination" für Flüchtlinge identifiziert. Flüchtlinge können per Bus von Griechenland in den im Süden Albaniens liegenden Seehafen Vlore gebracht werden, von dort wird über die gleichnamige Seestraße ins italienische Otranto übersetzt. Schnellboote schaffen das bei guter Witterung in zwei bis drei Stunden. Unverbindlicher Richtpreis: 7000 Euro.

Albanien hat begonnen, 450 Polizisten an die Grenze zu Griechenland zu beordern, das Gelände dort ist aber gebirgig und schwer zu überwachen. Mit monatlichen Löhnen zwischen 250 und 300 Euro sowie einer Arbeitslosenrate von etwa 20 Prozent wird es nicht schwierig sein, in Albanien Leute zu finden, die Flüchtlinge gegen harte Währung auf ein Schiff im Hafen Vlore bringen.

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Eine andere Alternativ-Route - die eine gewieftere Organisation und größere Schiffe benötigt - führt von der Türkei direkt nach Süditalien.

Der serbische Regierungschef hat die Flüchtlings-Bewegung 2015 als "Strom des Lebens" bezeichnet, der ließe sich nicht aufhalten. Allein in Libyen warten etwa 200.000 Menschen auf die Überfahrt nach Italien. Nicht nur aus afrikanischen Ländern, auch aus dem Irak und Syrien machen sie sich auf den Weg, um über Jordanien und Ägypten nach Libyen zu gelangen.

Wenn nun die EU mit der Türkei Geschäfte macht; von Österreich orchestrierte Balkanländer Grenzen schließen; Griechenland "hot spots" errichtet und ebenfalls EU-Geld dafür bekommt - wenn also nach offizieller Lesart die Zeit des Durchwinkens vorbei ist, ist gar nichts gelöst.

Europa (nicht 28 Regierungschefs, die alle recht haben wollen) wird nicht umhinkommen, sich der Bekämpfung der vielzitierten "Fluchtursachen" zu widmen. Die EU benötigt nicht tausende Polizisten an den jeweiligen Binnengrenzen, sondern tausende Soldaten, die vorerst in diesen Ländern militärisch geschützte Zonen errichten, in denen die UN und Hilfsorganisationen ein menschenwürdiges Umfeld schaffen können. Danach braucht es einen wirtschaftlichen Aufbauplan. Das ist gefährlich, teuer und muss von einer gestaltenden EU-Politik begleitet werden. Solange das nicht der Fall ist (und es ist realpolitisch Utopie), wird es Routen wie die Straße von Otranto geben. An die hat übrigens vor allem Österreich seit 1918 keine gute Erinnerung...




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-03-07 18:17:05
Letzte nderung am 2016-03-07 18:44:40



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