• vom 25.03.2016, 15:39 Uhr

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Update: 25.03.2016, 15:57 Uhr

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Im Namen Gottes




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Radikale Muslims berufen sich auf Worte des Propheten und ihren Gott, den sie Allah nennen. In Europa gibt es viele Stimmen, die wegen der Flüchtlinge "unsere christliche Tradition" in Gefahr sehen. Wer sich besonders liberal gebärdet, sagt "christlich-jüdische Tradition". Unbeeindruckt von der Tatsache, dass es seit Jahrhunderten in Mittel- und Südeuropa eine beständige Durchmischung der Religionen gab, wird der jeweils andere Gott quasi zum Feind erklärt. Bestandteil einer unbegreiflichen Macht zu sein, die das Böse bekämpft, war und ist ein probates Mittel, um Menschen für bestimmte Ziele einzuspannen.

Denn nie ging es um Gott, auch wenn in seinem Namen Millionen ermordet wurden. Um weit zurückzugehen in der Geschichte: Dem Osmanischen Reich ging es im 16. und 17. Jahrhundert um Expansion, dem Habsburger-Reich nach dem Sieg bei Wien ebenfalls. Der Terrorgruppe IS geht es um Territorien, am besten solche mit Ölquellen. Clan-Chefs werden geschmiert, um sich dem "Kalifat" anzuschließen. Von Gott ist da keine Spur.

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In Europa wieder ist es erstaunlich, wie wurscht der Christenheit die Lehren ihrer Würdenträger sind. Der Papst hat aufgerufen, jede katholische Pfarre solle Flüchtlinge aufnehmen. Viele halten sich nicht daran. Evangelische Bischöfe in Deutschland kritisieren nationalistische Gruppierungen, die alle Flüchtlinge rausschmeißen möchten. Bei den Demos dieser Gruppen marschieren fleißig Protestanten mit, die auf christliche Nächstenliebe pfeifen. Wo bitte ist da Gott?

An jeder Ecke sind seit Tagen "Oster-Botschaften" zu hören und was die Menschen von Jesus lernen können. Es ist allerdings bestürzend, dass es viel schwerer ist, in Namen Gottes Frieden zu stiften, als einen Krieg anzuzetteln.

Das liegt vermutlich schon auch daran, dass sich viele Menschen ihren Gott so formen, wie er ihnen gerade in den Kram passt. Und der rächende Gott hat derzeit halt Konjunktur, in einer Gesellschaft, die - auch entlang religiöser Grenzen - immer tiefere soziale Klüfte aufweist.

Nur die Götter gehen zugrunde, wenn wir endlich gottlos sind, sang Konstantin Wecker.

Das ist für gläubige Menschen natürlich unverständlich. Doch im Moment werden "im Namen Gottes" mehr Hass und Gewalt verbreitet als friedliches Miteinander. Und das ist sicher nicht im Sinne des Erfinders.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-03-25 15:44:06
Letzte ─nderung am 2016-03-25 15:57:57



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