• vom 18.04.2016, 17:54 Uhr

Leitartikel

Update: 18.04.2016, 18:15 Uhr

Leitartikel

Billig tanken wird teuer




  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Göweil

  • Leitartikel

Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Das Scheitern der Ölförderländer in Doha hat den Ölpreis absacken lassen, auch die Aktien von Ölkonzernen gingen zurück, wenn auch nicht so stark. Ein Ölkonzern allerdings konnte sogar an Wert zulegen, nämlich Petrobras. Der brasilianische Ölkonzern profitierte vom Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Roussef - und der Hoffnung, dass es im gebeutelten Land nun wieder aufwärts geht.

Das Beispiel zeigt sehr deutlich, wie groß die Verflechtung zwischen Energie und Politik ist.

Werbung

Zwar werden die Autofahrer in den kommenden Tagen wieder billigeres Benzin tanken können, doch die Nichteinigung auf eine Kürzung der Ölförderung hat vor allem politische Auswirkungen. Und deren Folgen könnten durchaus teuer werden. In Saudi-Arabien muss begonnen werden, die recht üppigen (durch Öl finanzierten) Subventionen auf Dinge des täglichen Lebens zu reduzieren. Das wird die Herrschaft des saudischen Königshauses eher nicht stabiler machen. Und abseits der Repressionen dieses Systems kann der Nahe und Mittlere Osten jetzt gerade nicht noch einen Unruheherd verkraften.

Wenn der Ölpreis so tief bleibt, wird auch Russland ein größeres Problem haben. Zwar hat Präsident Wladimir Putin mittlerweile öffentlich eingestanden, dass aus dem geplanten Wirtschaftswachstum heuer ein leichtes Minus wird, die Rezession wird allerdings eher tiefere Furchen hinterlassen, als Putin zugibt.

Für Venezuela ist der tiefe Ölpreis überhaupt eine Katastrophe, das Land taumelt ohnehin am Rande des Zusammenbruchs, was auch die südamerikanischen Nachbarn in Mitleidenschaft ziehen wird. Und im Iran befeuert sinkender Wohlstand die orthodoxen Kräfte, was die geplante Rückkehr in die Weltgemeinschaft verzögert.

Wer in den nächsten Tagen mit dem Auto tanken fährt, wird all dies nicht mitbedenken, und doch macht der niedrige Ölpreis die Welt unsicherer.

Und noch eine schädliche Auswirkung des billigen Öls ist zu konstatieren: Je länger die Situation dauert, desto länger dauert es auch, alternative Energiequellen weiterzuentwickeln. Das beschleunigt den Klimawandel und behindert industrielle Innovationen. Ein niedriger Ölpreis mag kurzfristig in der EU Konsumenten entlasten, aber langfristig ist er schädlich. Das muss gesagt werden, auch wenn einem dieser Gedanke die Freude an der Tankstelle vergällt.




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-04-18 17:59:05
Letzte Änderung am 2016-04-18 18:15:28



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Adieu, Währungsunion
  2. Erschöpfung und Mobilisierung
  3. Und wen wählen Sie? (Sagen Sie’s bitte nicht!)
  4. Seltsame Stimmung
  5. Das komplizierte Volk
Meistkommentiert
  1. Ich wähle Van der Bellen - nicht
  2. Russlands digitaler Krieg
  3. Wir werden uns noch wundern . . .
  4. Schicksalsjahr 2017
  5. Verzweifelte Briten

Werbung