• vom 25.04.2016, 15:25 Uhr

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Update: 25.04.2016, 18:55 Uhr

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Relaunch




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Nach der - salopp formuliert - Schlappe von ÖVP und SPÖ bei der Präsidentschaftswahl wird nun in beiden Parteien und in der Regierung ein "Relaunch" ausgerufen. Das englische Wort bedeutet Wiedereinführung und wird vor allem im Produktmarketing verwendet. Die Produkte SPÖ und ÖVP sowie deren Dachmarke "Bundesregierung" sollen also neu am Markt platziert werden, wie das so schön heißt. Oder, um im unsäglichen Branchenjargon zu bleiben: Deren Markenkerne werden neu aufgeladen.

Klingt alles gut, hinterlässt das wählende Publikum allerdings weitgehend ratlos. Der Schokoriegel Raider wurde vor Jahren in Twix umbenannt, aber Parteien und vor allem eine Bundesregierung sind ja kein Keks. Und wirklich starke Marken sind quasi sakrosankt. Henkel wäre schlecht beraten, sein allseits bekanntes Waschmittel Persil auf - sagen wir - Panama umzubenennen, obwohl auch dort weißgewaschen wird.

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Dass nun hohe Parteifunktionäre das Wort "Relaunch" benutzen, ist nur zu erklären, weil ihr Marktanteil auf jeweils elf Prozent gefallen ist, gleichzeitig ist es aber auch verräterisch.

Es suggeriert, dass sich SPÖ und ÖVP als Marke nicht mehr im Premium-Segment ansiedeln - ein fataler Mangel an Selbstvertrauen.

Und es suggeriert zweitens, dass viel an Marketing gedacht wird und weniger an Inhalt. Dabei geht es genau darum und um nichts sonst.

Würde Persil einen dezenten Grauschleier über die Wäsche verteilen, wäre es wurscht, wie die Firma Henkel das Produkt nennt, es würde sich nicht verkaufen. Ähnlich ist es bei Parteien, aber auch bei der Bundesregierung. Wenn die einen sagen, die Pensionen seien unfinanzierbar, und die anderen sagen, sie seien problemlos finanzierbar, ist der Relaunch zu Ende, bevor er noch begonnen hat.

Wenn die SPÖ Verteilungsgerechtigkeit hochhält, aber die Ungleichheit steigt, ist ein Relaunch Vergeudung. Wenn die ÖVP sich als die Wirtschaftspartei bezeichnet, aber die Mehrzahl der Unternehmer vom Gegenteil überzeugt ist, bleibt der Relaunch im Ansatz stecken.

Beide Regierungsparteien und die von ihr gebildete Bundesregierung müssen in den regulär verbleibenden zweieinhalb Jahren bis zur Wahl ihre selbst gestalteten Betonstrukturen überwinden. Das ist aber kein Relaunch, sondern schöpferische Zerstörung, die alles und jeden in Frage stellt. Davon ist wenig zu sehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-04-25 15:29:05
Letzte ńnderung am 2016-04-25 18:55:50



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