• vom 06.06.2016, 17:16 Uhr

Leitartikel

Update: 06.06.2016, 17:41 Uhr

Leitartikel

Das Hermann-Hesse-Konzept




  • Artikel
  • Kommentare (7)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Göweil

  • Leitartikel

Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." Der schöne Satz von Hermann Hesse in Zusammenhang mit der neuen Regierung ist manchen wohl zu harmonisch - in der Politik, aber auch in den Redaktionen. Andere wieder verstehen ihn gar nicht, leider. Der kraftvolle Start, der von Christian Kerns Antrittsrede im Parlament ausging, kontrastierte stark mit Gewohnheiten.

Das stärkste Motiv für Strukturkonservatismus ist Gewohnheit. Der Reflex von Politikern, die das Aufkommen eines anderen verhindern wollen, besteht darin, seine Glaubwürdigkeit zu zerstören. Und manche Politiker, die gerade eine Karriereleiter erklommen haben, versuchen mit Populismus ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen, indem sie in Boulevard-Medien punkten.

Werbung

Diese drei Stereotypen spielen sich gerade - als Antipode zu Hesses Gedicht - in Österreich ab: Der Außenminister versuchte sich mit seinem Australien-Beispiel erneut in Populismus. Inhaltlich ernst genommen handelt es sich bloß um zweifelhafte geografische Kenntnisse.

Der Innenminister erklärte, ein eng definierter, aber früherer Arbeitsmarktzugang für Flüchtlinge würde noch nicht im Land befindliche Menschen bewegen, nach Österreich zu kommen. Inhaltlich hält der Satz keiner Prüfung stand.

Allerdings kann Wolfgang Sobotka auch anders: Sein angekündigter Aktionsplan gegen Rechtsextremismus ist überfällig, wie das Beispiel jenes in der Ukraine festgenommenen Franzosen beweist, der Anschläge gegen die Fußball-EM geplant hatte.

Der neue Verkehrsminister will mit der Ankündigung punkten, die Zahl der Verkehrstoten zu senken. Das wollen alle.

Über all den machtpolitischen Spielchen droht schon wieder vergessen zu werden, dass Österreich andere Probleme hat. Die Digitalisierung der Wirtschaft droht, zwölf Prozent der existierenden Arbeitsplätze in die Automatisierung weiterzuleiten. Das Wirtschaftswachstum ist entweder zu gering oder zu ungleich verteilt. Allein diese beiden Themen bedrohen die Gesellschaft mehr als sonstige Machtpolitik.

Darüber ohne Scheuklappen zu diskutieren, wäre Gebot der Stunde. Und es wäre für alle in der Republik günstig, Hesses Stufen-Gedicht ganz zu lesen. "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen", heißt es dort. Bleibt zu hoffen, dass viele Politiker die Hesse’sche Weisheit erlangen.




7 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-06-06 17:20:06
Letzte ─nderung am 2016-06-06 17:41:05



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Pyrrhus-Sieg gegen die Blauen
  2. Ein Ende mit Schrecken
  3. Pause für Hysteriker
  4. Britische Verzweiflung
  5. Darf man wirklich jeden wählen?
Meistkommentiert
  1. Klare Haltung zahlt sich aus
  2. Britische Verzweiflung
  3. Wir werden uns noch wundern . . .
  4. Adieu, Währungsunion
  5. Der Pyrrhus-Sieg gegen die Blauen

Werbung




Werbung