• vom 14.06.2016, 18:24 Uhr

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Update: 14.06.2016, 22:33 Uhr

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Die Orthodoxen




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Die aus dem Griechischen stammende Wortkombination Orthodoxie bedeutet so etwas wie "richtige Meinung" beziehungsweise "Rechtgläubigkeit". Darin steckt schon jede Menge Intoleranz, denn wer orthodox ist, hat schon im semantischen Sinn immer recht. Tatsächlich befindet sich die Orthodoxie überall auf dem Vormarsch. Es verwundert daher, dass liberale Geister so wenige Gedanken auf die Orthodoxie verschwenden, obwohl sie der Antipode ist.

Der russische Präsident Wladimir Putin etwa schwört auf ein enges Verhältnis zur russisch-
orthodoxen Kirche. Jüngst war er sogar in der griechischen Mönchsrepublik Athos, der Kaderschmiede auch der russisch-orthodoxen "Nomenklatura". Die Aufhebung der Trennung von Staat und Kirche erhält seine Macht, da er sie auch liturgisch zelebrieren kann. Und der Patriarch von Moskau lebt ausgezeichnet damit.

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Auch in Israel spielt das orthodoxe Judentum eine eminent politische Rolle. Abseits der durchaus weltlichen - sprich: militärischen - Gefahren, denen Israel als Staat ausgesetzt ist, verhindern viele religiöse Hardliner substanzielle Verhandlungen mit den Palästinensern.

Und auch in der Politik gibt es Orthodoxie. Die "Sozi-Fresser"-Mentalität in ÖVP-Kreisen oder das "Austrofaschisten"-Gerede mancher SPÖler sind nur orthodox.

Um es auf den Punkt zu bringen: Orthodoxie ist eigentlich das Gegenteil der Aufklärung. All jene philosophischen und später politischen Errungenschaften, auf denen unsere demokratischen Erfolge beruhen, sind in der Aufklärung begründet. Natürlich darf jemand eine bestimmte Überzeugung haben, aber auch dessen Gegner verteidigt sie gegen Verbote - diese Entspanntheit hat die Aufklärung gebracht.

Allen Menschen geht es in solchen Systemen besser, niemand wird verfolgt oder bedroht. Trotzdem erfreut sich jegliche Ausformung der Orthodoxie enormer Beliebtheit. Das wird gerne mit dem Bedürfnis nach Sicherheit erklärt. In Wahrheit ist es bloß ein Mangel an Charakterbildung. Liberale sollten daher eine simple Frage stellen: Wollt ihr in Putins Russland leben oder in Österreich? Das Ergebnis wäre eindeutig.

Hoffnung bringt das Scheitern des Konzils orthodoxer Kirchen. Die Russen ließen es platzen, es ging dort unter anderem um die Höhe von Sitzen der Patriarchen. Das macht doch Orthodoxe gleich viel weniger "rechtgläubig".




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-06-14 18:29:06
Letzte Änderung am 2016-06-14 22:33:59



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