• vom 30.09.2016, 16:47 Uhr

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Update: 30.09.2016, 16:59 Uhr

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Europas Bankenproblem




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Die Spekulationen um Staatshilfe für die Deutsche Bank waren schon gruselig genug. Dazu gesellen sich Zores mit italienischen Finanzinstituten und eine angekündigte "Durststrecke" der deutschen Commerzbank. Dahinter liegt ein Problem, das viel tiefer geht und das Wirtschaftswachstum in Europa massiv beeinträchtigen könnte: Die Bilanzsumme der europäischen Banken liegt bei 280 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung. Die Bilanzsumme der US-Banken beträgt 80 Prozent der jährlichen Wertschöpfung der USA.

Daraus ist unschwer zu erkennen, dass Banken für EU-Staaten - im Vergleich zu den USA - ein ungleich höheres Risiko darstellen. Und hier beginnt ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist. Dieses Risiko schlägt sich in absurd niedrigen Aktienkursen nieder. Börsen bewerten Banken derzeit zwischen 30 und 60 Prozent des tatsächlich vorhandenen Eigenkapitals. Aus diesem Grund scheuen Europas Großbanken vor Kapitalerhöhungen zurück, was wiederum das Risiko erhöht.

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Um dem zu entkommen, müsste sich die Bilanzsumme der Banken mehr als halbieren. Das klingt logisch, bedeutet aber schlicht weniger Geschäft: also weniger Kreditvergaben an Unternehmen und Privatpersonen oder aus Kundensicht unattraktive Konditionen. Ein Ausweg besteht für größere Industrieunternehmen darin, Geld statt über einen Bankkredit über eine Anleihe aufzunehmen. Das ist der klassische Weg, wie die USA ihre Unternehmen finanzieren, in Europa spielen Kredite eine viel größere Rolle.

Diese Entwicklung ist längst eingeleitet, und sie wird sich in den kommenden Jahren noch beschleunigen. Das verändert die Finanzierungsrechnung nicht börsenotierter Unternehmen.

Es genügt längst nicht mehr, ängstlich auf die Banken zu schielen, die Wirtschaftspolitik muss sich ebenso darauf einstellen. Was sollen etwa Unternehmen tun, die zu klein sind, um eine Anleihe zu begeben?

Dass sich Europa US-Regeln aufs Auge drücken lässt, die in den USA selbst nicht so ernst genommen werden, ist ein zusätzlicher Beweis dafür, dass die EU wirtschaftspolitisch mehr (und nicht weniger) Gemeinsamkeit braucht. Nur mit einer solchen Strukturreform kann das eher schwache Wachstum in Europa angekurbelt werden. Nationale Egoismen sind teuer - bei der Deutschen Bank wären sie sogar extrem teuer.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-30 16:53:04
Letzte ─nderung am 2016-09-30 16:59:49



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