• vom 15.11.2016, 17:16 Uhr

Leitartikel

Update: 15.11.2016, 17:30 Uhr

Leitartikel

Flüssiger als Wasser




  • Artikel
  • Kommentare (16)
  • Lesenswert (22)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Göweil

  • Leitartikel

Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Interessanterweise hat der Wahlsieg von Donald Trump vor allem rechtspopulistische Politiker in Europa dazu animiert, immer aggressiver gegen demokratische und internationale Institutionen vorzugehen. Sie nennen dies "verfilztes Establishment". Nun hat der in St. Gallen lehrende, konservative, aber faktentreue Ökonom Christian Keuschnigg eine Studie über den Öxit gemacht, also den Austritt Österreichs aus der EU.

Das Ergebnis wäre desaströs, mit einem relativ leicht zu begreifenden Faktum: Österreich hängt als kleineres, aber tüchtiges Land vom Export ab. Die im Export tätigen Unternehmen zahlen deutlich besser als reine "Binnen-Unternehmen", forschen mehr und profitieren vom Schutzschild EU. Österreich müsste, auf sich allein gestellt, mit allen anderen (auch EU-) Ländern Handelsabkommen schließen. Die wären deutlich schlechter als die Abkommen der EU.

Werbung

Gleichzeitig wurde bekannt, dass die britische Regierung keine Ahnung hat, wie sie den Brexit umsetzen soll. Von einer Verschiebung des Austritt-Zeitraums ist bereits die Rede.

Und Trump? Als Präsident der Vereinigten Staaten wird er vor die Wahl gestellt sein, sich für die EU (dann 460 Millionen Einwohner) oder ein von den Schotten angeknabbertes Vereinigten Königreich (maximal 60 Millionen Einwohner) zu entscheiden. Er kann im Trump-Tower eine WG mit Nigel Farage gründen, aber entscheiden wird er sich für die EU - und die US-Industrie wird die Argumente liefern.

Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang nicht so sehr die unbestreitbare Reform-Notwendigkeit der Europäischen Union als vielmehr deren Zaudern und Zögern.

Die Keuschnigg-Studie und die Planlosigkeit der britischen Regierung ergeben zusammen ein sehr klares Bild: Europa ohne die EU wäre arm dran. Es wäre dem russischen Machtstreben, dem chinesischem Expansionsdrang und dem amerikanischen Dollar hilflos ausgesetzt.

Wenn sich Konzerne nicht mehr in Österreich ansiedeln, weil das Land nicht mehr der EU angehört (für 28 Prozent der Firmen-Ansiedlungen der entscheidende Faktor, errechnete Keuschnigg), wer wird dann einkaufen und zum Friseur gehen?

Die EU hat einiges zu tun, und ein Teil ihres Spitzenpersonals ist unfähig, richtig. Aber ohne Institution EU ist Österreich in der Welt flüssiger als Wasser: überflüssig. Traurig, aber wahr.




Schlagwörter

Leitartikel, EU, USA, Öxit, Österreich

16 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-15 17:20:11
Letzte nderung am 2016-11-15 17:30:03



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ausgekaisert
  2. Adieu, Währungsunion
  3. Erschöpfung und Mobilisierung
  4. Warum nicht gleich?
  5. Leise Stimmen im Jahr der Schreihälse
Meistkommentiert
  1. Ich wähle Van der Bellen - nicht
  2. Russlands digitaler Krieg
  3. Wir werden uns noch wundern . . .
  4. Schicksalsjahr 2017
  5. Verzweifelte Briten

Werbung