• vom 01.12.2016, 17:37 Uhr

Leitartikel

Update: 01.12.2016, 17:44 Uhr

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Seltsame Stimmung




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Als es am Mittwoch spätabends zu schneien begann, war plötzlich eine Entspannung auf den Straßen zu spüren. Schnee beruhigt die Gemüter. Die Entspannung zeigte aber, welche Spannung insgesamt in der Luft liegt. Natürlich sind die Wochen vor Weihnachten und dem Jahreswechsel immer von besonderer Hektik geprägt. In vielen Unternehmen werden neue Weichenstellungen publik, kurz vor den Aufsichtsratssitzungen im Dezember. Die politische Entwicklung des Jahres 2016 hat viele Bürger stark emotionalisiert, das sichtbarste Ventil in Österreich ist die Bundespräsidentschaftswahl.

Faktisch ist der Grant vieler Zeitgenossen nicht nachvollziehbar. Österreich geht es ganz gut, die Arbeitslosigkeit zeigt erstmals wieder leicht nach unten, die Steuerreform wird seit mehreren Jahren die Reallöhne wieder steigen lassen. Doch viele spüren, dass die Welt an einer Kreuzung steht. Auch jene, die keine der Studien lesen, die genau dies erwarten und begründen. Sehnsucht nach alten, bekannten Sicherheiten ist spürbar. Vermutlich denken sogar manche, wie fesch es vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war, als die Welt in Gut und Böse eingeteilt war (Österreich gehörte natürlich zu den Guten). Allein der Ost-
West-Konflikt setzte der Globalisierung Grenzen.

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Nun ist alles anders, Gewissheiten ändern sich von einem Tag auf den anderen. Wenn die sich anbahnende Männerfreundschaft zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in reale Politik mündet, wird es für Europa schwierig. Soll sich Europa stärker mit China vernetzen?

Neue Produkte und der technologische Wandel überfordern die Bildungssysteme. Wie wird der beliebte Job des Automechanikers aussehen, wenn alle Elektroautos fahren? Das ist nur eines von vielen Beispielen und nicht einmal das wichtigste in der digitalen Revolution. Wenn Premier Matteo Renzi am Sonntag das Referendum verliert und zurücktritt, wird Italien Flüchtlinge in Richtung Brenner abschieben? Die Welt, ein einziges großes Fragezeichen.

All dies führt zu einer seltsamen Stimmung, die zwischen gedrückt und wütend schwankt - optimistisch sind die wenigsten. Nach der Präsidentenwahl hat deren Sieger - und mit ihm die ganze politische Führungsriege - eine Aufgabe: die Stimmung zu verbessern. Denn auch wenn Trump den Klimawandel als Schimäre bezeichnet, auf die Gemüter beruhigenden Schneefall sollten wir uns dann besser nicht verlassen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-12-01 17:41:04
Letzte ─nderung am 2016-12-01 17:44:25



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