• vom 20.01.2017, 18:15 Uhr

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Update: 20.01.2017, 19:55 Uhr

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Das populistische Manifest




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Ja, viele können den Namen Trump nicht mehr hören. Als ob es keine anderen Probleme in der Welt gäbe. Doch genau das ist der Grund für den Trump-Hype. Wird er Probleme lösen oder neue schaffen? Donald Trumps Werdegang als Unternehmer lässt viel Spekulation zu, die in der Behauptung gipfelten, Russland hätte ein Sex-Video von ihm, aufgenommen in Moskau 2013. Seine erste Rede als Präsident lässt zweiteres erwarten.

Es war ein populistisches Manifest, in dem viel "America First" vorkam, aber keinerlei Vorschläge. Wenn er seine Rede, von der er sicherheitshalber selbst erklärte, sie sei historisch, ernst nimmt, werden die USA einen bisher unbekannten Isolationalismus frönen. Patriotismus ist die Liebe zu einer Heimat, aber es ist kein Konzept, das die Miete bezahlt.

Dass er zudem bereits begonnen hat, den Dollar-Wechselkurs zu kommentieren, bedeutet auch Ärger in der fragilen Finanzwelt. Seine – nennen wir es – eher spontane Art lässt auch US-Militärs zittern, denn Trump hält nun die Codes für die Atomwaffen in seinen Händen. Und seine Ankündigung, eine Mauer zu Mexiko zu bauen und Millionen Illegale aus dem Land zu werfen (wohin?), vertieft soziale und ethnische Gräben. Und das ausgerechnet in einem Land, das der Welt eine hinreißende Unabhängigkeitserklärung geschenkt hat: "Life, Liberty and the Pursuit of Happiness" sind darin als unveräußerliche Menschenrechte festgeschrieben.

Vor allem aber sagte Donald Trump in seiner ersten Rede genau dasselbe, was er schon 1990 in einem Interview mit dem "Playboy" festgestellt hatte. Das kann durchaus Angst machen, denn die Welt 2017 lässt sich mit der von 1990 so gut wie gar nicht mehr vergleichen. Wird Trump ein Retro-Präsident? Dafür spricht einiges. Doch mit politischer Vergangenheitsverklärung die Zukunft anzugehenb, schafft bloß Probleme.

Trumps Vorgänger Barack Obama hat in seiner letzten Rede gesagt, er habe immer versucht, die Werte einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft zu betonen, vor allem wenn sie in Kritik gerieten. Was wird Trump tun, der von einer "amerikanischen Kultur" träumt, die niemand genau definiert hat? Seine bisherigen Auftritte und die erste Rede lassen den Schluss zu, dass er diese Werte nicht verteidigen wird, weil er andere hat. Die Welt darf sich sorgen, aber Trumps Wähler, die er "vergessene Menschen" nannte, sollten es noch viel mehr.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-20 18:20:07
Letzte ─nderung am 2017-01-20 19:55:57



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