• vom 18.05.2017, 16:14 Uhr

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Update: 18.05.2017, 23:27 Uhr

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Kranke Zeiten




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle

Walter Hämmerle Walter Hämmerle

Vergangene Woche lieferte Reinhold Mitterlehner die entsprechenden Stichworte, am Donnerstag war es Eva Glawischnig. Darüber hinaus gibt es in diesem Land und anderswo wohl keinen Spitzenpolitiker, der nicht schon "off the record" über die Gnadenlosigkeit seiner Branche sinniert hätte, die kaum Tabus kennt und vor wenig zurückschreckt.

Die übliche Reaktion in solchen Momenten der Selbstreflexion besteht in verständnisvollem Nicken und betroffener Zustimmung. Bei passender Gelegenheit, etwa bei Rücktritten und Todesfällen, erfolgt dann die öffentliche Debatte darüber inklusive mahnender Wort an die Adresse sämtlicher Beteiligten, worauf - mit ein bisschen Glück - ein Moment betroffener Stille einkehrt.

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Man muss hier gar nicht unbedingt von Scheinheiligkeit sprechen. Wahrscheinlich ist die Bestürzung in vielen Fällen sogar echt, genauso wie der momentane Wille zur Umkehr.

Auf lange Sicht wird sich trotzdem nichts ändern. Ganz einfach, weil die personalisierte Attacke zwingend zur personalisierten Politik gehört, die längst zum Herzstück unserer Form von politischer Auseinandersetzung geworden ist. Es ist schlicht widersinnig, zu appellieren, das Persönliche aus dem öffentlichen Streit auszuklammern, wenn alles Politische - im Positiven wie im Negativen - über das Persönliche transportiert wird. Die Sozialen Medien sind nicht die Ursache dieser Entwicklung, sie haben ihre Folgen aber ins mitunter Unerträgliche gesteigert.

Wollten wir das wirklich ändern, müssten wir eine völlig neue Form der politischen Kommunikation (und wahrscheinlich von Politik überhaupt) erfinden, und zwar nicht nur die Medien, sondern mindestens so sehr (und in Wirklichkeit noch viel mehr) die Politiker und die Parteien selbst. Weder die einen noch die anderen werden dafür zu haben sein. Wahrscheinlich ist es auch gar nicht möglich, jedenfalls nicht in einem absehbaren Zeitrahmen.

Politik kann daher tatsächlich krank machen und tut es auch. Nicht jeden und alle, aber ziemlich sicher viel zu viele. Dasselbe sagt man allerdings auch von unserer Form des Arbeitens und Zusammenlebens unter markwirtschaftlichen Bedingungen.

Wir leben einfach in kranken Zeiten. Bessere sind vorerst nicht in Sicht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-18 16:21:07
Letzte ─nderung am 2017-05-18 23:27:59



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