• vom 21.06.2017, 15:54 Uhr

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Update: 21.06.2017, 16:05 Uhr

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Der Marshall-Plan




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Am 5. Juni 1947 hielt der damalige US-Außenminister George Marshall in der Universität Harvard eine Rede, in der er den ökonomischen Wiederaufbau des kriegszerstörten Europa beschrieb. Die USA würden dabei eine Art Anschubfinanzierung für Investitionskredite vergeben. Die Kredite sollten nicht zurückgezahlt, sondern zur fortlaufenden Finanzierung von Unternehmen verwendet werden. Der Marshall-Plan war geboren - und so erfolgreich, dass der Kreislauf bis heute funktioniert. Was vor 70 Jahren als "European Recovery Program" begann, gibt es bis heute als (geförderte) ERP-Kredite. Österreich profitierte mit am stärksten vom Marshall-Plan, Ende der 1940er erreichte die "Hilfe zur Selbsthilfe" 10 Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung des Landes. Dass die UdSSR den Ländern in Osteuropa die Mitwirkung verbot, hat später deren ökonomischen Rückstand gegenüber Westeuropa befördert.

Nun werden 70 Jahre später erneut Marshall-Pläne gefordert: für den arabischen Raum, vor allem Syrien, und für Afrika. Sie könnten den Menschen dort eine Perspektive geben, ihren Lebensunterhalt auch verdienen zu können. Eine Folge für Europa wäre wohl, dass weniger Flüchtlinge ins für sie unvorstellbar reiche Europa kämen.

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So weit die Theorie. Die Instabilität vieler dieser Länder macht die Umsetzung solcher Wirtschaftsprogramme schwierig. Nun, im Nachkriegsösterreich waren dafür gleich drei Ministerien zuständig, trotzdem war der Marshall-Plan ein voller Erfolg. Der Chef der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, hat jüngst vorgeschlagen, afrikanische Länder sollten doch lokale Anleihemärkte in lokaler Währung aufbauen. Dadurch fielen schädliche Währungsschwankungen weg - und in den Industriestaaten wäre genug Geld für Investitionen vorhanden.

Die EU wäre gut beraten, einen einheitlichen Kurs zu verfolgen und die nötigen Mittel bereitzustellen. Diese wären beträchtlich, der Nahe und Mittlere Osten sowie Afrika bräuchten als Anschub wohl mehrere hundert Milliarden Euro. Aber das Geld wäre langfristig gut investiert, da es die EU-Nachbarschaft stabilisieren würde. Frankreich scheiterte vor Jahren mit der Idee einer Mittelmeer-Union, weil dafür die Mittel fehlten. 70 Jahre nach Marshalls Rede sollte Europa großzügiger denken und sich erinnern, dass ohne den kühnen Marshall-Plan der Wiederaufbau so nicht möglich gewesen wäre.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-21 15:59:05
Letzte ─nderung am 2017-06-21 16:05:17



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