• vom 30.06.2017, 17:44 Uhr

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Update: 30.06.2017, 17:54 Uhr

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Null Zinsen, null gelernt?




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Die Direktorin der Europäischen Zentralbank, Sabine Lautenschläger, hat nun in den Chor jener eingestimmt, die ein Ende der Nullzins-Politik im Euro beschreiben. Das Wirtschaftswachstum in Europa läuft gut, auch die Inflation steigt wieder moderat, die Arbeitslosigkeit sinkt. Üblicherweise erhöhen Notenbanken in solchen Phasen die Zinsen. Es wird zwar noch ein bisschen dauern, also bis 2018, aber die Notenbanker stimmen sich schon jetzt alle auf die Rückkehr zu normalen Zeiten ein.

Für die Sparer ist das ein gutes Signal. Auch für Investoren, die beispielsweise für besonders sichere deutsche Bundesanleihen sogar Negativzinsen in Kauf genommen haben, also auf das veranlagte Geld noch etwas drauflegten, anstatt zu profitieren.


Viele Schuldner werden allerdings vor einem Problem stehen, und dazu zählen auch Staaten. Allein die Republik Österreich mit ihren schwach 300 Milliarden Euro Schulden hat sich zwischen 2009 und 2016 Zinszahlungen in der Höhe von 16 Milliarden Euro erspart. Bei privaten Schuldnern beträgt die Ersparnis 52 Milliarden Euro.

Viel von diesem billigen Geld ist in den Immobilienbereich geflossen. Wenn man so will, hat die EZB einen ungeheuren (und sehr ungleich verteilten) Vermögensaufbau finanziert.

Gleichzeitig kaufte die EZB Unternehmensanleihen, die zu solchen Zinssätzen am Markt nicht unterzubringen gewesen wären. Die EZB hat also auch Firmenbilanzen mit ihrer Nullzinspolitik gehörig entlastet.

Nun ist bald Schluss damit, aber was haben wir daraus gelernt? Diese Bilanz fällt durchwachsen aus. Die Republik Österreich hat die 16 Milliarden Euro konsumiert, das Budgetdefizit 2016 betrug immer noch 1,6 Prozent.

Wenn aber die Zinsen steigen, erhöht sich auch deren Aufwand. Und wenn das Budgetdefizit - sagen wir - zumindest nicht steigen darf, dann wird mehr Geld für Zinszahlungen aufzuwenden sein, das anderswo fehlt.

Hier liegt das eigentliche Problem der vorgezogenen Neuwahlen. Denn die Politik, wer immer sie gestaltet, wird über viele Monate auf null gestellt. Null-Politik mit Null-Zinsen geht eine Zeit lang. Null-Politik mit steigenden Zinsen ist aber ganz schlecht. Wie die Republik damit nach den Wahlen umgehen wird, wissen wir nicht. Eines ist aber sicher: Je länger die Unsicherheit dauert, desto teurer wird es für die Bürger.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-30 17:48:06
Letzte Änderung am 2017-06-30 17:54:04



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