• vom 13.07.2017, 18:02 Uhr

Leitartikel

Update: 13.07.2017, 18:09 Uhr

Islam

Islamofaschismus-Keule




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Von Thomas Seifert

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Thomas Seifert

Thomas Seifert

Wer kennt Godwin’s law? Mike Godwin prägte im Jahr 1990 diesen ironisch-sarkastischen Lehrsatz. Er besagt, dass im Verlauf längerer Diskussionen, etwa im Internet, mit zunehmender Dauer der Debatte die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einen Nazi-Vergleich einbringt, sich dem Wert Eins annähert. Der US-Autor und Anwalt Michael Wayne Godwin wollte darauf hinweisen, dass Nazi-Vergleiche das Instrument denkfauler Demagogen sind, die nicht das geringste Interesse an ernsthaften Debatten haben.

Worum geht es: Wenn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg das belgische Burkaverbot mit dem Argument, es sei im Sinne eines friedliches Zusammenlebens, für rechtens erklärt, dann kommen die Richter ganz ohne Schaum vor dem Mund und nach Abwägung aller Argumente zu diesem im Urteil gut nachvollziehbaren Schluss. Kommentatoren, die triumphalistisch-unbeschwert die Islamofaschismus-Keule schwingen, sobald es im Zusammenhang mit dem Burka-Verbots-Urteil des Europäischen Gerichtshofs um die Vollverschleierung von Muslimas geht, haben aber weder etwas vom Islam verstanden und schon gar nichts vom Faschismus.

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Dieser Trend ist schon seit einiger Zeit zu beobachten: Radikalislamisten wie autochthonen Verbalradikalinkis geht es darum, die "Grauzone" für Muslime wie Nichtmuslime wegzuwischen: Die einen wollen einen Bekenntniszwang zum Dschihad, die anderen fordern, dass man bei ihrem antiislamischen Kreuzzug mit von der Partie ist. Beiden ist nur eines heilig: Der Konflikt. Zusammenleben, Nährstoff für eine demokratische, offene Gesellschaft, auf dessen Bedeutung der Europäische Gerichtshof in seinem Urteil extra hinweist, ist unerwünscht. Und so schwärmen die einen vom Kalifat und die anderen verbreiten ihre Dystopien vom Untergang des Abendlands und der "Zurüstung zum Bürgerkrieg". Damit muss Schluss sein. Islamistische Prediger müssen aus der Minbar, der Moschee-Kanzel, verbannt werden. Radikalislamistische Moscheen sind zu schließen, öffentliches Gutheißen von Terror ist zu ahnden. Aber ist es zuviel verlangt, die überwiegende Mehrheit der friedliebenden, tüchtigen Muslime in Ruhe zu lassen? Daher sollten jene Verbalradikalinskis, die die Diskriminierung eines Bevölkerungsteils diskursiv anheizen (© "Süddeutsche Zeitung") innehalten und dem präfontalen Cortex - wo im Gehirn die Vernunft sitzt - eine Chance geben.




Schlagwörter

Islam, Faschismus, Straßburg

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-13 18:09:05
Letzte Änderung am 2017-07-13 18:09:56



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