• vom 04.08.2017, 18:29 Uhr

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Update: 04.08.2017, 20:49 Uhr

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Die Fußball-Hybris




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

"Ich war nie vom Geld motiviert", sagt der Fußball-Profi Neymar, der soeben um mehr als 200 Millionen Euro (!) von Barcelona zum französischen Meister Paris Saint-Germain gewechselt ist. Ein paar Tage davor lieferte der noch bekanntere Kicker Ronaldo (Real Madrid) eine präpotente Vorstellung vor einem spanischen Gericht, weil er vermutlich mehr als 14 Millionen Euro an Steuern hinterzogen hat.

Gleichzeitig steigt in den Ländern mit den größten Ligen Europas der Frust der Fans, weil sie erstens die Spiele der Top-Mannschaften nur noch im Bezahl-Fernsehen anschauen können und zweitens immer abenteuerliche Ticket-Preise zu bezahlen haben, um ins Stadion zu gelangen.


Der Männer-Fußball ist zu einer gigantischen Umverteilungsmaschine von unten nach oben geworden. Für Saison-Karten jener Mannschaften, die auch in schöner Regelmäßigkeit die Top-8 der Champions League bilden, muss mittlerweile anderswo im Haushalt gespart werden. Nun kommen in Deutschland (Bundesliga) und Österreich (Champions League) die Kosten fürs Bezahl-Fernsehen dazu.

Auf dieser Pyramide steht Herr Neymar und spricht den frechen Satz: "Ich war nie vom Geld motiviert." Auf dieser Pyramide stehen alle anderen Top-Kicker, die jahrelang Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben.

Das Männer-Fußball-Geschäft entspricht puncto Unseriosität mittlerweile dem Investmentbanking der frühen 2000er Jahre. Denn rund um die Top-Spiele hat sich daneben noch ein undurchschaubares Wettgeschäft aufgebaut, das zur Manipulation geradezu einlädt. Die Wettumsätze bei einem Champions-League-Finalspiel liegen jenseits der Milliarden-Euro-Grenze, und nicht jeder dieser Spieler füllt bloß einen Toto-Schein über 70 Cent aus...

Es gibt darauf zwei Antworten: Eine lautet Boykott. Wenn die Fans und Zuseher beschließen würden, sich lieber die Frauen-Fußball-Spiele anzuschauen, können Neymar & Co. einpacken. Das ist allerdings unmöglich, da die Fußball-Klubs mittlerweile zu einer Ersatz-Religion geworden sind, und Gläubige zum Boykott aufzurufen, ist sinnlos.

Die zweite Antwort muss wohl die EU geben. Das Beispiel Neymar zeigt, dass der europäische Fußball zum Wilden Westen geworden ist und dringend einen Regulator braucht wie Banken, Telekommunikation und Lebensmittelindustrie.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-04 18:33:05
Letzte nderung am 2017-08-04 20:49:57



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