• vom 11.08.2017, 16:56 Uhr

Leitartikel

Update: 11.08.2017, 17:57 Uhr

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Fleisch und Blut




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle

Walter Hämmerle Walter Hämmerle

"Am Anfang war Trump. Er schuf das 21. Jahrhundert, wie wir es heute kennen." Oder noch schlimmer: "Am Anfang waren Donald Trump und Kim Jong-un."

Diese imaginierten Sätze eines imaginierten Historikers des 22. Jahrhunderts klingen für heutige Ohren absurd. Unmöglich sind sie nicht. Mit dem berühmten Satz "Am Anfang war Napoleon" lässt Thomas Nipperdey sein Mammutwerk über die Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert beginnen. Und es spricht tatsächlich einiges dafür, dass es dieses 19. Jahrhundert ohne den Korsen nicht in der Form gegeben hätte, wie wir es heute kennen.


Die uralte Streitfrage, ob nun Menschen aus Fleisch und Blut oder anonyme Strukturen und Prozesse die Geschichte bestimmen, gewinnt angesichts der Konfrontation der beiden Staatsführer brennende Aktualität. Mit Schrecken wird uns wieder die Möglichkeit bewusst, wie sehr es Einzelnen doch möglich ist, die Geschichte zu verändern. Zum Besseren oder Schlechteren.

Es ist eine besondere Ironie, dass ausgerechnet der als Weltverbesserer angetretene Vorgänger Trumps, Barack Obama, als historisches Beispiel dafür dienen kann, wie hilflos und machtlos auch noch der mächtigste Mann der Welt ist, wenn Institutionen und Strukturen gegen ihn arbeiten, und der aktuelle US-Präsident möglicherweise imstande ist, den Beleg zu führen, dass ein Einzelner seinen Willen auch gegen den Widerstand von Strukturen und Institutionen durchzusetzen vermag.

Kulturell sind wir darauf gedrillt, dem Einzelkämpfer die Daumen zu drücken. Der kalten Logik des Computers mit seinem beschränkten Horizont setzen wir die Fähigkeit des Individuums entgegen, kraft seiner Empathie und analytischen Vorstellungskraft die besseren Entscheidungen zu treffen. Das lässt sich - vorerst jedenfalls noch - sogar empirisch beweisen.

Auch beim Match Mensch gegen Institution hoffen wir verlässlich auf den Sieg des Humanen. Hier agieren wir jedoch bereits gegen unsere eigene Vernunft, denn wir wissen, dass die Rationalität der Institutionen - bei entsprechender Kontrolle! - der Willkür des Einzelnen überlegen ist. Deshalb vertrauen wir auf Parlamente, Behörden und Organisationen.

Was für eine Tragödie, dass wir das Ansehen der Institutionen ständig untergraben, nur weil sich Helden und Schurken besser verkaufen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-11 17:00:07
Letzte ─nderung am 2017-08-11 17:57:29



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