• vom 18.08.2017, 16:06 Uhr

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Update: 18.08.2017, 16:18 Uhr

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Die Feinde Gottes




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Von Reinhard Göweil

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Chefredakteur Reinhard Göweil.

Chefredakteur Reinhard Göweil. Chefredakteur Reinhard Göweil.

Sogenannte Dschihadisten verweisen gerne auf Zitate und Suren des Koran, um ihr Morden zu begründen. Es gehe "gegen die Feinde Gottes", und dieser Kampf mache das eigene Leben bedeutungslos. Im Badeort Cambrils trugen Terroristen Sprengstoffgürtel-Attrappen, sie wollten also erschossen werden. Das aufgeklärte Europa steht fassungslos vor solchen Anschlägen. Wie soll man jemandem begegnen, der sein und anderer Leben nicht nur nicht achtet, sondern zerstören will?

Auf diese Frage gibt es keine endgültige Antwort, auch wenn diese Ohnmacht wehtut. Eines ist aber sicher: Die Politik kann das nicht alleine lösen. Der Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien läuft erfolgreich, die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste in Europa verbesserte sich nach den Anschlägen von Nizza, Paris, Berlin und London. Was vielmehr notwendig wäre, ist eine große Anstrengung der Weltreligionen zum Thema Gottesbegriff.


Nun gibt es "den Islam" nicht, allein die Differenzen zwischen Sunniten und Schiiten kosteten Hunderttausende in der arabischen Welt und Pakistan das Leben. Diese Differenzen gehen grob gesprochen auf Machtkämpfe ums Kalifat im 7. Jahrhundert zurück. Politisch stehen einander heute Saudi-Arabien (Sunniten) und der Iran (Schiiten) gegenüber. Nun zählt der Islam wie das Judentum und das Christentum zu den monotheistischen Religionen, Grund genug also für eine globale Debatte aller Religionsführer um deren Gottesbegriff. Immerhin heißt es ja auch im Koran: "Er ist Gott, der Schöpfer, der Erschaffer, der Formgebende. Sein sind die schönsten Namen." Wahllos Menschen zu töten fällt wohl kaum unter diese Definition.

Nun benötigt Terror natürlich polizeiliche Bekämpfung, keine Frage. Aber ohne eine viel tiefer gehende interreligiöse Auseinandersetzung um den Gottesbegriff wird es auch nicht gehen, etwa im Rahmen der UNO. Töten und die Gleichgültigkeit dem eigenen Leben gegenüber kann kein Gott wollen, sonst wäre er keiner. Es ist ein mühsamer Prozess, er wird lange dauern und schwierig sein. Aber er wäre wenigstens den Versuch wert, denn irgendwann muss Schluss sein mit Massenmorden, die sich auf eine Religion stützen. Seinen Glauben orthodox auszuüben, soll erlaubt sein, aber auch ein orthodox interpretierter Gott sollte Liebe schenken und nicht zerstörerischen Hass, wie nun in Barcelona.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-18 16:15:06
Letzte ─nderung am 2017-08-18 16:18:55



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