• vom 18.09.2017, 19:35 Uhr

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Update: 18.09.2017, 19:53 Uhr

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Hauptsache recht haben




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Von Walter Hämmerle

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Walter Hämmerle

Walter Hämmerle Walter Hämmerle

Es ist noch nicht so lange her, da erklärten selbst überzeugte Rechte, dass die Linken doch recht gehabt haben. Das war am Höhepunkt der Finanzkrise, als völlig entrückte Finanzjongleure mit Geld, das ihnen nicht gehörte, völlig jenseitige Dinge anstellten, die sie sich zuvor selbst ausgedacht hatten.

Aktuell gibt es nicht wenige Linke, die öffentlich zugeben, dass die Rechten doch recht gehabt haben mit ihren Warnungen vor einer entrückten Toleranz gegenüber Menschen, die mit dieser Toleranz völlig jenseitige Dinge rechtfertigen.


Zwischen ideologisch erhellenden Erleuchtungen dieser Art liegen in der Regel Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. In der Gegenwart ist keine Seite mental in der Lage, der weltanschaulichen Konkurrenz am Stimmenmarkt ein solches Signal der Weltoffenheit zuzusenden. Die meisten sehen darin einen Ausweis an Professionalität und Überzeugungskraft; sehr viel näher an der Wirklichkeit liegt wohl die Vermutung, dass es einfach nur ein Beweis mangelnder Lebenserfahrung ist. Oder jedenfalls ein Defizit an Vorstellungskraft.

An unserer Demokratie gibt es ziemlich viel zu loben. Diese Unfähigkeit allerdings ist zum Heulen. In der heißen Phase des Wahlkampfs, die mit der Flut an TV-Duellen jetzt startet, wird sie uns fast täglich in Erinnerung gerufen werden. Die Chance auf gegenteilige Überraschungen ist auf Grundlage bisheriger Erfahrungen leider gering.

Dabei gäbe es eine einfache Faustregel für den Bedarf an weltanschaulichen Kompromisslösungen, die da lautet: Je größer das Problem, je mehr Menschen betroffen sind und je mehr Interessen es gibt, die berücksichtigt werden sollten, desto größer ist die Notwendigkeit, die eigenen ideologischen Scheuklappen abzulegen und die Welt durch die Brille der "anderen Seite" zu betrachten. Diese Erfahrung ist so offensichtlich, dass ihre Verkündigung fast schon banal ist.

In der Politik gibt es aber keine Einsichten, die so offensichtlich sind, dass sie in Wahlkämpfen nicht geleugnet werden könnten. Es geschieht einfach, bei Mietrechtsfragen, in der Bildung, bei Sicherheit und Integration. Womöglich aus der Überzeugung heraus, dass das, was man im Wahlkampf verspricht oder ankündigt, nach den Wahlen dann schon noch irgendwie repariert.

Das ist mitunter auch tatsächlich der Fall. Manchmal aber auch nicht.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-18 19:42:04
Letzte ─nderung am 2017-09-18 19:53:46



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