• vom 10.10.2017, 17:27 Uhr

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Update: 11.10.2017, 09:45 Uhr

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Der Sino-Sputnik-Schock




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Von Thomas Seifert

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Thomas Seifert.

Thomas Seifert. Thomas Seifert.

Als die Sowjets im Oktober 1957 den ersten Satelliten ins All schossen, standen die politischen Eliten im Bann des Sputnik-Schocks. Wie konnte es sein, dass die UdSSR die USA überholt? 1959 landeten die Sowjets eine unbemannte Kapsel am Mond, im April 1961 umrundete Juri Gagarin als erster Mensch den Planeten. Unter diesem Eindruck eröffnete US-Präsident John F. Kennedy den Wettlauf zum Mond - Kennedy versprach, dass die Vereinigten Staaten bis zum Ende des Jahrzehnts einen Menschen zum Erdtrabanten schicken werden. 1969 lösten die USA dieses Versprechen ein, Amerika gewann das Weltraumrennen.

60 Jahre nach dem Sputnik-Schock stehen wir wieder an einem ähnlichen Moment der Zeitgeschichte: Dem Sino-Sputnik-Schock. Nun muss der Westen Angst haben, von China abgehängt zu werden. In Schanghai sieht man an jeder Ecke ein Elektroauto der chinesischen Marke BYD, selbst beim Knödel-Stand an der Ecke bezahlt man mit dem Handy. Die Zeiten, in denen man über die miese Qualität chinesischer Produkte und den mangelnden Innovationsgeist milde lächeln konnte, sind längst vorbei. Wenn man heute in China mit Freunden und Bekannten zusammensitzt, dann ist in diesen Runden die Rede von den neuesten Innovationen, den besten Apps und davon, wer aus dem Familien- und Freundesumfeld gerade in Europa, Singapur, Australien oder den USA studiert.

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Und im Westen? US-Präsident Donald Trump ist selbst nach Meinung seines Außenministers Rex Tillerson ein Trottel. Die politische Klasse im Westen? Peinlich. Selbst die Realität des postdemokratischen Spektakels des real existierenden Wahlkampfs im kleinen Österreich raubt einem den Verstand, die Niedertracht der Boulevardmedien und die Inferiorität mancher Vertreter der politischen Machteliten lassen einen verzweifeln. Der Westen droht von China abgehängt zu werden. Damit Europa, damit Österreich auch in Zukunft mithalten kann, wären Tatendrang, Mut und Energie gefragt. Stattdessen bedient eine verachtenswerte, mit Bildungsdefiziten behaftete politische Klasse die Ängste der Bevölkerung, anstatt Hoffnung auf die Zukunft zu nähren. Ein Wahlkampf, in dem die Themen Wissenschaft, Schule, Uni und Innovation ein Mauerblümchen-Dasein führen, ist genau das, was Bürgermeister Michael Häupl einmal die Zeit "fokussierter Unintelligenz" genannt hat. Dabei wäre es höchste Zeit, sich dem Sino-Sputnik-Schock zu stellen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-10 17:34:04
Letzte ─nderung am 2017-10-11 09:45:30



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