• vom 01.10.2012, 16:30 Uhr

Leserforum

Update: 01.10.2012, 16:40 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Der Geld-Fundamentalismus

Leserforum 2.10.





Düstere Blicke in die Pensionszukunft

Werbung

Unter dem Titel "Leben die Alten auf Kosten der Jungen?" sendete das deutsche staatliche Fernsehen jüngst eine aufgeregte Diskussion, in der es wie in anderen Medien um "Altersarmut" und "Rente" ging. Mit "Altersarmut" war nicht die bestehende gemeint, sondern die der heute mittleren Generation.
Illustriert wurde die Thematik mit der eingeblendeten "Renteninformation" der deutschen Rentenversicherung an eine ausgebildete Krankenschwester: 39 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder. In etwa 30 (!) Jahren könne sie nach fast 50 Jahren Arbeitsleben inklusive Kindererziehungszeiten eine monatliche Rente von 738,72 Euro erwarten.
Wie lässt sich eine solche Absurdität erklären? Am klarsten mit dem auf Geld fixierten Denken, das - wie andere radikale Überzeugungen - von einem fundamentalistischen Glauben geleitet wird. Weil wir in einer Geldgesellschaft leben, in der aufgrund der weit entwickelten Arbeitsteilung mehr oder weniger alles Lebensnotwendige gekauft werden muss, wird Geld für bedeutsamer gehalten als das, was gekauft werden soll. Waren sind aber erst nach Arbeit und Produktion verfügbar. Folglich wären - nein: sind! - Arbeit und Produktion ausschlaggebend, denn wenn für Geld nichts gekauft werden kann, ist es nichts wert.
In den 27 EU-Ländern waren im Juli 2012 im Schnitt 22,5 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Das ist kaum deren Schuld, sondern vielmehr die der geldfixierten politischen Unfähigkeit der Regierungen, das verfügbare, häufig hoch gebildete Arbeitsvermögen sinnvoll zu organisieren; dafür sei kein Geld vorhanden. Wegen des beschränkten Gelddenkens wird nicht verstanden, dass Geld vor allem ein Mittel ist, um gesellschaftlich erforderliche Arbeit zu steuern. Denn einem Katalysator in der Chemie vergleichbar kann mit Geld ein Prozess in Gang gesetzt werden: Arbeitskraft gegen Geld, Geld gegen Arbeitsprodukte/Waren, ohne dass das Mittel verbraucht wird. Geldausgabe der einen ist Geldeinnahme für andere.
Wirtschaftspolitisch kommt es darauf an, den Bedarf und das Schaffensvermögen zu vermitteln, wozu in der extrem arbeitsteiligen Gesellschaft umlaufendes Geld ein sehr geeignetes Instrument ist. Dabei ist die stark gewachsene Produktivität des Arbeitsvermögens durch Maschinen und genutzte Wissensfortschritte zu berücksichtigen. Diese gestiegene Produktivität müsste doch eigentlich selbst beschränkt denkenden Menschen aufgefallen sein, weil früher in Landwirtschaft und Industrie bei geringerer Produktion weit mehr Menschen beschäftigt waren als heute.
Und die Produktivität wird auch in den kommenden 30 Jahren unter der Bedingung zunehmen, dass der fundamentalistische Geldglauben, der "Moneyismus", überwunden wird. Niemand weiß heute, was in 30 Jahren für viel oder wenig Geld zu kaufen ist, wie sich die gesamtgesellschaftliche Situation auf dem Globus entwickeln wird. Es ist absurd, Menschen mit "Renteninformationen" Jahrzehnte vor dem Rentenbezug zu verängstigen und die "Jungen" gegen die "Alten" aufzubringen.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-01 16:36:06
Letzte Änderung am 2012-10-01 16:40:07


Beliebte Inhalte



Zum Gastkommentar von Cho Hyun, 17. April Kühlere Köpfe und rationalere Entscheidungen Die koreanische Halbinsel ist weiter im Bann einer äußerst...weiter

Zum Artikel von Eva Stanzl, 17. Mai Wie man menschliche Stammzellen klont Gratulation an Eva Stanzl zu ihrem informativen Artikel über ein schwieriges...weiter

Zum Leitartikel von Reinhard Göweil, 15. Mai Keine Sozialagenden für eine undemokratische EU Bevor auch soziale Agenden und Arbeitnehmerrechte an die...weiter

Zum Artikel von Walter Hämmerle und Hermann Sileitsch, 11. MaiRohstoff Wasser mit Öl nicht zu vergleichenDie Angebote der Rohstoffe Wasser und...weiter

Dubiose Wahlprognosen Zum Ergebnis der Landtagswahl in Salzburg Ich frage mich, was am Ergebnis der Salzburger Landtagswahl für die Meinungsforscher...weiter

Dubiose Wahlprognosen Zum Ergebnis der Landtagswahl in Salzburg Ich frage mich, was am Ergebnis der Salzburger Landtagswahl für die Meinungsforscher...weiter

Zum Leitartikel von Walter Hämmerle, 10. Mai Verleihung des Karlspreises an Dalia Grybauskaite Litauen ist Respekt zu zollen...weiter

Zum Gastkommentar von Cho Hyun, 17. April Kühlere Köpfe und rationalere Entscheidungen Die koreanische Halbinsel ist weiter im Bann einer äußerst...weiter



Werbung




Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof

Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi" Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York.

Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen: 21. 5. 2013: Schwere Zeiten für Fans des glänzenden Metalls: Der Goldpreis erklimmt keine neuen Höhen mehr, das Interesse der Anleger ist merkbar gesunken.

Werbung