• vom 01.03.2013, 12:50 Uhr

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Die Grenzen des Reformismus




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  • Zum Tod von Stéphane Hessel

Stéphane Hessel, Autor des Essays "Empört euch!" - © WZ/epa

Stéphane Hessel, Autor des Essays "Empört euch!" © WZ/epa

Eher unfreiwillig war Stéphane Hessel schon vor seinem Tod zur Ikone geworden. Sein Engagement in der ‚Résistance‘ kann natürlich nur den tiefsten Respekt hervorrufen. Mit ihm ist einer der letzten Widerstandskämpfer gestorben. Er wurde aber vor allem durch sein 2010 veröffentlichtes Büchlein "Empört euch!" bekannt.

Über 3 Millionen Exemplare von "Empört euch!" haben sich in Frankreich verkauft, der Text wurde in 23 Sprachen übersetzt. Hessel wusste selber, dass sein Büchlein öfter geschenkt als gelesen wurde: Es wurde häufig zu Weihnachten geschenkt, von Eltern an ihre Kinder, damit sie sich gegen die Konsumgesellschaft ‚empören’, und von Jugendlichen an die Eltern, damit sie jung und rebellisch bleiben.

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"Empört euch!" entsprach einer empörten Stimmung und füllte eine Lücke da, wo Gewerkschaften und traditionelle Parteien ihre Ohnmacht gegenüber die Krise schon gezeigt hatten.

Nur wenige Leser scheinen jedoch bemerkt zu haben, dass manche Formulierungen etwas unglücklich waren, etwa über den Nahostkonflikt, "die Hamas könne nicht "vermeiden", dass Raketen auf israelische Städte geschossen würden".

Als Hessel am 14. Oktober 2011 im österreichischen Parlament auftrat, konnte ich ihn fragen, ob diese Formulierung nicht unangemessen sei, da die Hamas in ihrer Charta zur Vernichtung Israels aufruft. Seine Antwort war verwirrend, "Ach, die Hamas meint es doch nicht so ernst."

Auch wenn er eine postmoderne Che-Figur geworden ist, hat Hessel immer sehr viel Vertrauen in die Parteien sowie in die UNO bekundet. Er empfand es als Ehre, zahlreiche Berichte und Konferenzen der UNO organisiert zu haben.

Als Christian Felber von "attac Österreich" ihn fragte, ob es nicht Grund zur Empörung gäbe, wenn das Parlament gegen die Mehrheit der Bevölkerung abstimme, antwortete er, man solle dann andere Parteien wählen.

Erstaunlich war seine Antwort auf die Frage der Studenten von "Unibrennt", wie es weiter gehen könnte, als keiner ihrer Forderungen entsprochen worden sei, "Macht nichts, demonstrieren tut gut, es gehört zum studentischen Leben".

Hessels Verdienst besteht darin, gezeigt zu haben, dass das Volk selbst auf die Krise antworten muss.

Die spanischen "Indignados" haben sich dafür auf sein Büchlein bezogen, aber der charmante Diplomat hat auch die Grenzen des Reformismus verkörpert.

Dr. Jérôme Segal.

Koordinator eines Doktoratskollegs an der Universität Wien und Assistenzprofessor an der

Universität Paris-Sorbonne

Er schreibt für französische Zeitungen und Zeitschriften.




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Dokument erstellt am 2013-03-01 12:53:04



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