• vom 19.02.2010, 13:57 Uhr

Porträts

Update: 25.02.2010, 16:53 Uhr

Dietmar Dietrich arbeitet an einer neuen Generation Künstlicher Intelligenz

"Intelligenz braucht Gefühle"




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Von Christian Hoffmann

  • Dietmar Dietrich ist weder Psychiater, noch Psychologe und schon gar nicht Psychoanalytiker. Nein, der Professor kommt aus einer ganz anderen Sphäre: Er arbeitet am Institut für Computertechnik der Technischen Universität Wien an einem neuartigen Modell von Künstlicher Intelligenz. Dabei geht er von dem Grundsatz aus: "Es gibt keine Intelligenz ohne Gefühl."

Auf Neuland: Dietmar Dietrich, Professor an der TU Wien - © Pessenlehner

Auf Neuland: Dietmar Dietrich, Professor an der TU Wien © Pessenlehner

In der Abfertigungshalle des Flughafens steht ein Koffer. Auf dem Bild der Überwachungskamera ist er deutlich zu sehen. Welche Schlüsse ergeben sich aus dieser Beobachtung? Das Bild des Koffers, der da in der Abfertigungshalle steht, kann Unterschiedliches bedeuten, und solche Bedeutungen zu entschlüsseln und zu bewerten, stellt Computer vor große Herausforderungen.

Am Institut für Computertechnik der Technischen Universität Wien arbeitet man an Systemen Künstlicher Intelligenz. Im konkreten Fall geht es um ein System, das die Bilder von hunderten Überwachungskameras an einem Flughafen auswertet. Derzeit können halbwegs intelligente Computersysteme immerhin aus der Bilderflut Fälle herausfiltern, die potenziell gefährlich sein könnten. Ob wirklich Gefahr besteht oder nicht, muss nach wie vor ein Mensch entscheiden.


Mit diesem Stand der Dinge ist Dietmar Dietrich unzufrieden, ein drahtiger Mann, der so frisch wirkt, dass man ihm seine 65 Lebensjahre kaum glauben will. Auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, sagt er, stagniert die Forschung. Deswegen hat er in seinem Wiener Institut einen weltweit einzigartigen Weg eingeschlagen: Er versucht, ausgehend von der Theorie der Psychoanalyse in der Tradition von Sigmund Freud, Computer mit Gefühlsleben auszustatten. Das menschliche Gehirn sei nämlich zu vielen seiner Leistungen nur deswegen befähigt, sagt er, weil jede Information in Verbindung mit einem Gefühlspotenzial abgespeichert wird. Mit den neuesten Ergebnissen der Gehirnforschung soll der Schritt in eine neue Ära der Künstlichen Intelligenz möglich werden.

Entdeckung des Gefühls

Künstliche Intelligenz ist ein relativ junger Zweig der Wissenschaft. Im Jahr 1956 fand in dem beschaulichen Städtchen Dartmouth an der englischen Südküste eine Konferenz statt, deren Teilnehmer später alle als Pioniere der Wissenschaft in die Geschichte eingingen. Dort verwendete der Informatiker John McCarthy, später Professor am MIT in Boston und an der Stanford Universität, den Begriff "Artificial Intelligence". Dort wurde Denken als Vorgang der Informationsverarbeitung definiert, woraus sich der ketzerische Gedanke ergab, dass das menschliche Gehirn nur eines von mehreren Medien ist, in denen dieser Vorgang ablaufen könnte.

Seit damals zieht die Forschung auf diesem Gebiet heftige Debatten nach sich. Jahrzehnte hindurch wurde von Kritikern zum Beispiel die These vertreten, dass es Computer im Schachspiel niemals mit dem menschlichen Geist aufnehmen könnten, eine Behauptung, die ein paar Jahrzehnte nach der Konferenz widerlegt war. Es entstanden auch Systeme wie das Programm Eliza von Joseph Weizenbaum, das Gespräche zwischen Mensch und Computer simuliert, oder das Expertensystem MYCIN, das bis zum heutigen Tag exzellente medizinische Diagnosen auf dem Gebiet von Blutinfektionen zu liefern imstande ist.

Auch eine Suchmaschine für das Internet wie Google, räumt Dietmar Dietrich ein, ist ein Ergebnis der bisherigen Forschungen zur Künstlichen Intelligenz, die mit der Konferenz von Dartmouth in verschiedenen Detailbereichen einen großen Aufschwung nahmen. Aber trotzdem ist er nicht zufrieden: Die Angelegenheit stagniert, findet er, etwas wesentlich Neues ist seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr dazu gekommen.

Nun aber ergibt sich mit den rasanten Fortschritten der Gehirnforschung eine neue Chance. Neuropsychologen wie Mark Solms oder Antonio Damasio, auf die sich Dietmar Dietrich bezieht, haben in den vergangenen Jahren die Beziehungen zwischen dem Nervensystem des Menschen, seinen Gefühlen und seinem Denken sehr detailliert untersucht. Vor allem die Arbeiten von Damasio haben das überraschende Ergebnis erbracht, dass die eigentliche Stärke des menschlichen Gehirns im Vergleich zu Computern in den Emotionen besteht. In zahlreichen Experimenten entstand die Theorie des "somatischen Markers", eines körperlichen Vorgangs, der als Gefühl wahrgenommen wird und auf dem alle Leistungen des Denkens aufbauen.

Ohne Gefühl, lehrt Damasio, gibt es keinen Scharfsinn. Eine Figur wie Commander Spock aus der Serie "Star Treck", der reine Logik verkörpert, wäre nach seinen Forschungsergebnissen in der Natur nicht möglich.

Bewusstsein als Konsole

Dietmar Dietrich strahlt über das ganze Gesicht, wenn er diese Gedanken entwickelt: "Der Mensch arbeitet mit Gefühl und Emotionen. Das menschliche Gehirn ist eine Datenbank, in der jeder Eintrag mit einer besonderen Gefühlsqualität ausgestattet ist. Basis aller Entscheidungen ist ein Gefühl."

Die Suche nach einem verwendbaren Modell für das menschliche Seelenleben hat den Informatiker zur Psychoanalyse geführt. Dabei ergab sich der kühne Plan, die Vorstellung der Analytiker vom Bewussten, Unbewussten und Über-Ich auf der Basis von Computern nachzubauen. So kommt es, dass an der Technischen Universität in Wien seit acht Jahren ein Team, dem Programmierer und Psychoanalytiker angehören, daran arbeitet, das Modell des menschlichen Gefühlsapparats, wie es die Psychoanalyse in gut hundert Jahren entwickelt hat, technisch umzusetzen. Neun einschlägige Dissertationen und eine Reihe von Diplomarbeiten stecken bereits in der Entwicklung, die im vergangenen Jahr mit der Präsentation des Buches "Simulating the Mind" einen ersten Höhepunkt erreicht hat. Für März ist ein Workshop mit der Psychoanalytischen Akademie geplant, die die Arbeit der Computertechniker nach Kräften unterstützt.

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2010-02-19 13:57:00
Letzte nderung am 2010-02-25 16:53:00


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