• vom 03.12.2015, 17:58 Uhr

Porträts

Update: 03.12.2015, 18:31 Uhr

Hilary Benn

Der neue Star der Labour Party




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief








    (pn/ag) Beifall ist eigentlich verpönt im britischen Unterhaus, dem House of Commons. Normalerweise ist "Hear-hear"-Gebrumm das äußerste der Gefühle, wo es um Zustimmung geht. Mittwochnacht aber brandete spontaner Applaus auf, und zwar auf beiden Seiten der hohen Kammer. Ausgerechnet der sonst eher spröde Labour-Politiker Hilary Benn hatte die Unterhaus-Kollegen in helle Begeisterung versetzt.

    Benn führte nämlich als Schatten-Außenminister 66 Kriegs-Befürworter aus den Oppositionsreihen in die "Schlacht gegen IS". Nachdem Labour-Parteichef Jeremy Corbyn nachdrücklich gegen Lufteinsätze über Syrien argumentiert hatte, setzte sich sein außenpolitischer Sprecher zehn Debattenstunden später ebenso leidenschaftlich, aber in einer rhetorischen Glanzleistung, für Bombenflüge ein.

    Werbung

    Benn appellierte an sozialistischen Internationalismus und Britanniens Tapferkeit zur Zeit des Faschismus. Er wusste alle emotionalen Knöpfe zu drücken und jeden verfügbaren Widerstandswillen zu mobilisieren. Einer seiner prominentesten Kontrahenten in der eigenen Partei, Schatten-Schatzkanzler John McDonnell, nannte seinen Auftritt "ganz hervorragend" - freilich nicht ohne hinzuzufügen, die Rede Benns habe ihn an Tony Blairs Rede erinnert, "als der uns in den Irakkrieg führte". Es mache ihm immer Sorgen, sagte McDonnell, "dass die größte Zungenfertigkeit uns zu den größten Fehlern führen kann."

    Polarisiert hat der neue Star Westminsters im sozialen Netzwerk Twitter. Während sich etliche etablierte Journalisten vor Begeisterung überschlugen, so auch der frühere CNN-Talkmaster Piers Morgan, reagierten andere zornig. Benn, murrten sie, sei ein "Verräter" an der eigenen Partei. Einige fanden außerdem, Hilary habe das Andenken seines Vaters in den Schmutz gezogen. Tony Benn, ein scharfsinniger Linksintellektueller nobler Herkunft, war immerhin lange Jahre das leuchtende Idol britischer Sozialisten gewesen. Er hatte seinen Adelstitel abgelegt, um der Arbeiterbewegung zu Diensten zu sein.

    Sein Sohn Hilary begann seine politische Karriere 1999 anlässlich einer Nachwahl in Leeds, bei der er sich erst einmal vom berühmten Vater absetzte. Er sei "ein Benn, aber kein Bennist", verkündete er damals. Unter Tony Blair und Gordon Brown stieg der nüchterne Pragmatiker schnell ins Kabinett auf. 2003 wurde er Entwicklungs- und 2007 Umweltminister. Er versah seine Ämter zuverlässig, und war für seine Unbestechlichkeit bekannt.

    Als Corbyn im September Parteichef wurde, bot er Benn den Posten des Schatten-Außenministers an. Nun aber stellt Benn Corbyn in den Schatten. Im Schattenkabinett zwang er den Parteichef, ihn als zweite Stimme im Unterhaus zu akzeptieren. Und während Corbyn nur holprig spricht, verfügt Benn über die große Geste und die rhetorischen Gaben seines Vaters - auch wenn das, was er sagt, sehr viel anders ist.

    Ob er gern Parteichef wäre, sollte Corbyn demnächst einmal aus dem Amt "purzeln", darüber rätseln Freund und Feind in der Labour Party. Einen weiteren Stimmungstest für den Parteichef gab es bei den Nachwahlen im nordenglischen Oldham am Donnerstag. Über Jahrzehnte war die frühere Industriestadt Hochburg der Sozialdemokraten. Zuletzt lagen Labour und die EU-feindliche UK Independence Party Kopf an Kopf.

    Unmittelbar nach Corbyns Abstimmungsniederlage im Unterhaus bombardierte die Royal Air Force Ölfelder unter Kontrolle des Islamischen Staats im Osten Syriens. Die Einnahmen aus den Verkäufen von Rohöl gelten als eine der wichtigsten IS-Finanzierungsquellen. Man habe der Terrororganisation damit einen "echten Schlag" versetzt, sagte Verteidigungsminister Michael Fallon. Währenddessen ist es in London recht einsam um Jeremy Corbyn.




    Schlagwörter

    Hilary Benn, Großbritannien, IS

    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2015-12-03 18:02:05
    Letzte nderung am 2015-12-03 18:31:03



    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Christian Konrad - ein etwas anderer Sozialarbeiter
    2. Karin Maria Pfeifer
    3. Der Reality-Star lacht zuletzt
    4. Arlene Foster - Theresa Mays Hilfe in der Not
    5. Michel Barnier - Brexit-Verhandler für die EU
    Meistkommentiert
    1. Michel Barnier - Brexit-Verhandler für die EU
    2. Heimspiel für Europa
    3. Alexandre Lamfalussy, einer der Euro-"Väter", ist gestorben
    4. Christian Konrad - ein etwas anderer Sozialarbeiter
    5. Unambitioniert und bar jeder Kontur

    Werbung




    Werbung


    Werbung