• vom 24.03.2016, 09:26 Uhr

Reisende

Update: 24.03.2016, 11:17 Uhr

Thomas A. Bauer

Grenzgänger auf Reisen




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Von Sabine Ertl

  • Im Gespräch mit dem Kommunikationsprofi und Vielreisenden Thomas A. Bauer erfuhr die "Wiener Zeitung", worin die Kunst besteht, vom Gegenüber zu lernen und warum man immer von zwischenmenschlicher Kommunikation profitieren kann. Außerdem: Warum es Sinn macht, im Moment zu leben.

"Wiener Zeitung": Wie charakterisieren Sie sich selbst?

Thomas A. Bauer: "Was ich vermittle, lebe ich".

Thomas A. Bauer: "Was ich vermittle, lebe ich".© Bauer Thomas A. Bauer: "Was ich vermittle, lebe ich".© Bauer

"Thomas Bauer": Als Grenzgänger. Es ist mein Versuch, genügend aufzunehmen, um die Unterschiedlichkeit der Lebenswelten zu verstehen. Jede Vorstellung ist veränderbar. Es muss ja nicht sein wie es ist. Das heißt auch, dass man Einsichten abgeben muss, um unterscheiden zu lernen, was einem wichtig und was nicht wichtig ist. Das gilt auch für den Augenblick, für den Moment selbst. Vermutlich muss man erkennen, dass man erst Aufmerksamkeit bekommt, wenn man sie selber anderen schenkt.

Worin liegt denn der Wert Ihres Grenzgängertums?

Man muss an die Grenze zu gehen, um das andere zu sehen. Das eine lebt vom anderen. Theoretisch formuliert: Man kann zwei Seiten sehen, der Wert der einen Seite hängt davon ab, wie man die andere sieht. Hat etwas zwei Seiten, dann stehen sie in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Am Ende von Gedankengängen kann dies bedeuten, dass auch das Gegenteil möglich wäre.

Sie galten als besonders beliebter Vortragender an der Universität, was fanden Studenten denn immer so toll an Ihnen?

Konkret: Ich habe mich immer bemüht, meine Lehrveranstaltungen international auszurichten. Und ich pflege einen unkonventionellen Umgang mit Studierenden. Im Zuge der Betreuung von Diplomarbeiten und Dissertationen treffe ich so viele Leute, die die Dinge anders sehen als ich. So ergibt sich die Möglichkeit, viel Material des Wissens unterschiedlich zu vernetzen und verstehen zu lernen.

Lässt sich dieses kategorisieren?

Ja, auf einer existentiellen Ebene der Deutung von Wissen: Es mag die Bestimmung des Menschen sein, unbestimmt zu sein. In diesem Rahmen ist es der Wert des Wissens sich vom Gegenteil überraschen zu lassen. Realität ist eine kommunikative Bestimmung – ein Statement, das natürlich mehr Fragen auslöst, als es Antworten gibt.

Was hat das mit Wissen zu tun? Schließlich werden an den Universitäten Wissenschaften gelehrt.

Wissen ist ein Modell von alltäglichem Verstehen, mit dem neues Wissen generiert werden kann. Als Wissenschaft bezeichne ich die systemische Organisation des Verstehens und Austauschens von Wissen. Schließlich lassen sich Lebenspraxis und Wissenschaft nicht auseinander dividieren. Die Grenze, die wir gerne zwischen beiden vermuten, ist eigentlich deren Verbindungslinie.

Und wie ist das bei Ihnen? Wie wurden Sie zu dem, der Sie sind?

In meinen ersten Lebensjahren hat man mir wenig zugestanden, aber viel zugemutet. Es war diese Ausgangssituation als Waisenkind, die mich zum Flüchter gemacht hat. Das Thema blieb mir, zum Glück aber zunehmend mit umgekehrtem Vorzeichen: vom Flüchter zum Flieger. Nun hat das Reisen, auch das existenzielle, jeweils ein Ziel. Ich flüchtete, um nicht in der Migration festgebunden zu sein. Das ging vermutlich nur, indem ich Migration zu meinem Lebensprogramm gemacht habe.

Wo führt denn Ihre Reise hin?

Reisen sind anders als Wanderungen. Reisen definieren sich durch ihr Ziel, Es sind die Ziele, die die Route der Reise beschreiben, selbst dann, wenn der Weg erst entsteht, indem man ihn geht. Das heißt für mich auch, dass ich mir zum Ziel mache, was ich gerade erfahre. Alles was ich mache, versuche ich im Moment zu verwerten. Das kann auch heißen: was ich erfahre, mache ich mir zum Programm.

Das klingt sehr anstrengend. Dabei haben Sie immer gute Laune. Gerade jetzt in dem Augenblick.

Die Logik der Sorge ist nicht unbedingt mein Programm. Ich lebe gerne den Moment. Ich lebe jetzt. Es ist ja nicht so, dass das alle mögen. Manche finden es sogar ziemlich verdächtig. Wie mich beispielsweise ein anderer Teilnehmer auf einer internationalen Tagung in Seoul, Südkorea, recht brüsk fragte, ob ich "denn immer so gut aufgelegt sein müsse"?. Ich konnte ihm natürlich nur die für mich einzig richtige Antwort geben: Mir ist eben im Moment danach.

Sie haben keine Berührungsängste mit anderen Kulturen, Mentalitäten, Verständigungsmodellen. Wie kommt das?

Im Gegenteil: Ich erfahre mich in allem, was anderes ist als ich denke, dass ich bin. Und ich bin, was ich tue. In meinem Anliegen eines Lehrenden, zum Beispiel, wüsste ich keinen Unterschied zu machen zwischen dem was ich bin und was ich tue. Ich bin mit meiner Person dahinter, was ich vermittle. Auch das mögen nicht immer alle, aber der Lehrer ist nicht eine Maske, er ist untrennbar mit meiner Person verbunden. Ich kann nur vermitteln, was ich lebe.

Wir leben in einer politisch instabilen Welt. Kriege, Bedrohungen durch Terroristen, die Flüchtlingsproblematik. Gibt es noch Werte?

Ich sehe die Wahrnehmung des anderen als Wert und Gewinn. Der oder das andere ist keine Bedrohung, sondern das Gegenteil: eine Chance. Aber dazu braucht man eine Wahrnehmung, die von Herzen kommt und aus dessen Bedürftigkeit. Im Moment ist ja "Der kleine Prinz" von Saint-Exupéry wieder in aller Munde – und dessen berühmtester Satz: "Man sieht nur mit dem Herzen gut". Das Auge sieht den Unterschied, das Herz den Wert der Unterscheidung: weil einer anders ist als ich, ist er der für mich wichtige Gesprächspartner. Auf Widerstand geht man in der Regel mit dem, was man an sich selbst nicht wahrhaben wollte. So sind die Schwierigkeiten, die man mit jemandem hat, oft die eigenen - meine Schwierigkeiten.

Wo liegt da die eigentliche Kommunikationsleistung?

Kommunikation ist mehr Beobachtung als Aktion. Die wechselseitige Beobachtung ist eine Spiegelung meiner selbst im anderen. Die Leistung dabei ist dann, das, was man beobachtet zu reflektieren und diese Reflexion auch zu teilen. Die Wertschätzung, die man einem gibt, ist die Chance sich selbst wertgeschätzt – mit dem Herzen beobachtet - zu wissen.

Was treibt Sie an?

Oh, das ist die schwierigste Frage, weil man hier zwischen Lebenswahrheit und Lebenslüge unterscheiden muss. Und nichts tut man schneller (oder lieber) als sich - da und dort - zu belügen. Aber ich glaube zu wissen: Mein Lebensmotiv ist beweisen zu können, dass ich es kann, das Leben. Das kann schon anstrengend sein, aber die Mühe lohnt sich.

Sind sie ein neugieriger Mensch?

Ich mag das Motiv der Überraschung: Sich überraschen zu lassen und andere durch Überraschung neugierig zu machen. Beim Schreiben zum Beispiel entsteht der Gedanke oft (erst) im Schreiben. Der Weg entsteht, wenn und weil man ihn geht. So komme ich beispielsweise auf Gedanken, die mich selbst überraschen, weil ich sie mir nicht vorgenommen habe. Und so kommt es, dass ich zu Formulierungen greife, die am Ende des Satzes das Gegenteil dessen denkbar machen, wofür ich am Anfang des Satzes eingetreten wäre. Dies hat viele meiner Studenten auch verunsichert. Sie konnten in meinem Vortrag keine Systematik erkennen. Der Grund ist sicherlich, dass ich in Kreisen, nicht in Linie denke. Linien verfolgen Gedanken, in Kreisen ergeben sie sich. Einer erschießt den anderen. Und führt weiter. Man könnte diese Bahnen unendlich ziehen. Linien beziehen sich auf einen Anfang und beschließen mit einem Ende. Kreise schließen sich im Modell der endlosen Bewegung.

Sie würden also auch Ihr Buch umschreiben?

Natürlich. Wenn ich könnte, würde ich noch radikaler sein: Nichts muss so sein, weil es eben so ist. Da halte ich es mit dem deutschen Soziologen und Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann, der als Vertreter der soziologischen Systemtheorie mit einem ein ähnlichen dialektischen Muster arbeitet: Den Wert dessen, was ist, verstehe ich erst, wenn ich herausgefunden habe, wie und warum es anders sein könnte. Mein Buch ist eine Herausforderung, für die Leser, aber auch für mich selbst. Denn es liefert Denkmaterien, die man erst im Lesen ordnet oder zu ordnen herausgefordert wird. So wird der Leser zum Mitschreiber der Gedankenwelt. Daher empfiehlt es sich, in verdaubaren Portionen zu lesen. Geschrieben wurde es übrigens in vielen Kaffeehäusern auf der ganzen Welt: Kuala Lumpur, Bangkok, Hanoi, Istanbul, Sao Paulo und natürlich: Wien. Das Buch ist eine Reise selbst. Man könnte es "Das Buch auf Reisen" nennen. Es zu lesen ist ebenso der Aufbruch zur Reise wie es zu schreiben.

Thomas A. Bauer: Kommunikation wissenschaftlich denken. Perspektiven einer kontextuellen Theorie gesellschaftlicher Verständigung. 375 Seiten. Böhlau Verlag 2014.

Information

Zur Person

Thomas A. Bauer ist 1945 in Diessen/Ammersee geboren und musste als Waisenkind von einem Ort zum anderen flüchten. Er hat Philosophie, Theologie, Kultursoziologie, Kommunikationstheorie studiert. Seit 2013 ist der langjährige Professor für Medienkultur und –bildung an der Universität Wien emeritiert, jedoch als Gastprofessor international gefragt. Die Erkenntnisse einer lebenslangen Kommunikationspraxis hat er
in dem im Böhlau Verlag erschienenen Buch "Kommunikation wissenschaftlich denken" niedergeschrieben.

Thomas A. Bauer pendelt zwischen Asien, Südamerika und innerhalb von Europa. Zu Hause ist er in Wien.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-24 09:26:42
Letzte nderung am 2016-03-24 11:17:20



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