• vom 21.04.2016, 09:27 Uhr

Reisende

Update: 21.04.2016, 13:11 Uhr

Fabius Sixtus Körner

"Plötzlich Hedonist"




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Von Sabine Ertl

  • Fabius Sixtus Körner war schon viel unterwegs. Die "Wiener Zeitung" hat ihn in der Karibik aufgespürt und mit ihm via Skype über seine Rastlosigkeit, den Alltag und die Routinen, das Zika-Virus sowie die Flüchtlingsproblematik, gesprochen.

Surfen in Medewi an Balis Westküste. - © Fabius Sixtus Körner

Surfen in Medewi an Balis Westküste. © Fabius Sixtus Körner

Information

ZUR PERSON

Fabius Sixtus Körner, Jahrgang 1981, ist Designer, Fotograf, Innenarchitekt, Blogger. Als moderner Wandergeselle arbeitete er unter dem Motto "Ohne Geld um die Welt"  zwei Jahre lang für Kost und Logis.

Er brach 2010 auf, mit dem Ziel alle Kontinente dieser Erde zu bereisen. Seine Stationen waren Schanghai, Kuala Lumpur, Alexandria, Addis Abeba, Kopenhagen, Bangalore, Brisbane, San Francisco, Havanna, Santo Domingo und Medellín. Diese Welt-Walz dauerte zwei Jahre und drei Monate, er war an 60 Orten und legte Tausende von Kilometern zurück.

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"Wiener Zeitung": Sie halten sich gerade in Santo Domingo auf. "Hier drehen alle gerade wegen dem Zika-Virus durch", hieß es von Ihnen in Ihrer letzten Mail. Können Sie mir eine kurze Bestandsaufnahme über die aktuelle Situation auf der Karibikinsel geben?

"Fabian Sixtus Körner": Die Regierung will die echten Zahlen vielleicht gar nicht wissen, um nicht in Erscheinung treten zu müssen. Alles was an Information ankommt sind ausländische Medien, vor allem aus den USA. Weil das geographisch näher liegt. Ein Bekannter war im November in Haiti und hat vor kurzem einen Bericht veröffentlicht, in dem er meldet, dass er das Zika-Virus hatte. In dieser Zeit habe ich ihn auch gesehen. Er hatte Kopfschmerzen, Mattigkeit, aber die Symptome waren nicht so schlimm wie bei Dengue oder Chikungunyafieber. Er schreibt, dass er die Problematik rund um die Schwangeren nicht wirklich beurteilen kann. Aber das kann im Moment ja noch niemand.

Was tut man? Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es? Es gibt ja Länder wie Singapur, in denen rigorose Maßnahmen herrschen, um z.B. Dengue zu vermeiden.

Man macht nicht mehr als sonst. Es gibt vielleicht ein paar Leute, die sich mehr einsprühen, aber von offizieller Seite ist da überhaupt keine Regung. Ich glaube, das Thema hat noch keinen Stellenwert hier.

Wie geht es Ihnen in der Karibik? Tüfteln Sie an neuen Projekten?

Ich bin gerade an der Nordküste der Dominikanischen Republik. Ich bin nicht wirklich sesshaft, habe aber eine Wohnung mit meiner Freundin. Doch wurde unser Auto hier aufgebrochen und sämtliches Material wie auch mein Laptop gestohlen. Das ist bitter, denn die komplette Arbeit des letzten Jahres ist so verloren gegangen. Dazu gehört auch ein fast fertiger Dokumentarfilm über die Surfer auf Sri Lanka.

Ein anderes Projekt steht an, es ist zwar noch nicht in trockenen Tüchern, aber vermutlich werde ich im Juli diesen Jahres als Reporter im deutschen TV zu sehen sein. Ich habe hier in der Karibik schon gedreht und zwar über Hahnenkämpfe.

Ein weiteres Projekt: Ab April bin ich wieder in Deutschland. Ich weiß zwar noch nicht wie lange, aber auf jeden Fall bis zum Herbst. Ich werde es durchziehen und versuche herauszufinden, ob es in Deutschland mit all seinen Regularien und Regeln – "die man bitte einhalten soll" – überhaupt noch möglich ist, Abenteuer zu erleben. Um was genau es sich handelt, kann ich noch nicht sagen. Es wird sich aber relativ schnell zeigen, ob es sich lohnt.

Kriegen Sie von den Themen der Zeit hier in Europa – Flüchtlinge etc. – genauso viel mit, als ob Sie hier lebten? Oder läuft man als Reisender auch Gefahr, den Kontakt zur "Heimat" zu verlieren?

Stories of a Journeyman

Stories of a Journeyman© Mathias Weitbrecht Stories of a Journeyman© Mathias Weitbrecht



Nein, überhaupt nicht. Heutzutage ist man gut vernetzt. Man liest unterschiedliche Quellen, ob es der Spiegel oder die FAZ ist. Die Flüchtlingsproblematik wird ja immer anderes interpretiert. Und so kann man die Stimmung gut herausfiltern. Ich war letztes Jahr drei- bis viermal in Deutschland. Und habe recht gut mitbekommen, wie sich Stimmungen verändern. Von anfänglich euphorisch, geradezu himmelhochjauchzend und jetzt betrübt. Auch die Positionen und Wendungen in meinem eigenen Freundeskreis haben sich verändert im Lauf der sogenannten Krise. Es ist tatsächlich hilfreich, gar nicht in Deutschland zu sein. Sondern immer wieder hinein zu schnuppern, um die Stimmungen besser aufnehmen zu können. Ich habe im Herbst in der Kleiderausgabe gearbeitet, in einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge, und so auch die andere Seite kennengelernt.

Die Welt in der wir leben, ist sie eine gute?

Die Welt ist eine gute. Aber es gibt immer wieder Personen, die aus dem Raster fallen. Das passiert manchmal. Man muss hoffen, dass es glimpflich ausgeht. Dann Schwamm drüber und wieder zurück zu den guten Zeitgenossen.

Verändert intensives Reisen das Wesen eines Menschen, seine Eigenarten?

Ein Beispiel: In Sachen Pünktlichkeit nimmt man dann doch auch bestimmte Eigenarten an und stellt sich darauf ein. Wenn man weiß, dass es mindestens 20 Minuten sind, die man auf sein Gegenüber warten muss. Aber klar gibt es Eigenschaften, die ich nicht ablegen kann. Ich gehe noch immer gewissenhaft an Projekte heran. Ich möchte das nicht ablegen, weil ich es gewöhnt bin, ein Projekt von vorne bis hinten durchzuziehen. Das kann man nicht abstellen, das habe ich mit der Muttermilch aufgesogen.

Vor Ihrer Reise nach Australien erwischte Sie das Gefühl von Heimweh. Sie definieren es als "Nicht das Ziehen der Sehnsucht, sondern ein Bedürfnis nach Geborgenheit". Wie lassen sich Sehnsucht und Geborgenheit unter einen Hut bringen?

Das Gefühl kommt immer wieder vor, es kommt natürlich darauf an, wie man sich selbst gerade fühlt. Wenn viel Positives passiert, hat man das sogenannte Heimweh selten. Ich kann mich auch sehr gut auf Leute einlassen, wenn ich sie denn gefunden habe. Anstrengend hingegen ist das ständige Neuknüpfen von sozialen Kontakten. Und diese extrem engen Bünde dann wieder hinter sich zu lassen. Nach vier Wochen wieder neu anfangen zu müssen, dann wieder, dann wieder. Das war etwas, das mich extrem geschlaucht hat. Ich habe dies auch ein bisschen unterschätzt bei dieser Reise, und es wurde mir nach einem Jahr wirklich bewusst. Aber: Mir war klar, wenn ich es nicht durchziehe, wird das Projekt nichts. Ich habe es mir schließlich auferlegt. Wenn ich zu Hause bin, mache ich das nicht, da gehe ich nicht auf Leute zu und schließe neue Freundschaften. Der Typ bin ich einfach nicht. Darum wollte ich unbedingt auf Reisen zu gehen, auf denen ich immer wieder auf neue Leute zugehen muss.

In Ihrem Bestseller beschreiben Sie das Reisen als ein "konstantes Überschreiten von Grenzen". Haben Sie sich schon gefragt, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie als 30-Jähriger an Ihrem Schreibtisch in Wiesbaden sitzen geblieben wären?

Das physische Überschreiten von Ländergrenzen natürlich, das wird einfacher. Die logische Konsequenz ist ja auch, dass der Thrill nachlässt. Weil sich da eine Routine einschleicht. Mit dem Überschreiten von Grenzen meine ich, aus sich herausgehen. Wenn ich das nicht tue, geht es mir nicht gut. Mir wird unglaublich langweilig und ich muss etwas tun, das ich noch nie getan habe, um dieses Gefühl der Genugtuung zu bekommen und das Gefühl, am Leben zu sein.

Selfie im Hotelzimmmer.

Selfie im Hotelzimmmer.© Fabian Sixtus Körner Selfie im Hotelzimmmer.© Fabian Sixtus Körner



Liegt es an Deutschland, an Europa, an den Menschen?

Ich würde es nicht auf die Mentalität der einzelnen Länder festlegen, sondern auf die Lokalität. Man hat ja bestimmte Routinen, mit denen man sich betäubt. Mit Computern zum Beispiel. Es gibt ja auch Leute, die einfach nur Fernsehen gucken. Bei mir ist es momentan das Surfen. Ich brauche, wo immer ich bin, etwas, um der Langeweile zu entgehen. Ich weiß nicht, wie es früher war, ob man da einfach nur gelesen oder sich unterhalten hat. Ich kenne auch kaum eine Person, bis auf einen buddhistischen Mönch, den ich einmal kennengelernt habe, dem es reicht, einfach nichts zu tun. Und damit glücklich zu sein.

Aber wenn man innerhalb unserer Gesellschaft lebt, dann glaube ich, dass man sich mit irgendwas ablenken muss, um abschalten zu können. Wenn mein Kopf komplett leer ist, gehe ich Surfen. Danach fühle ich mich immer befreit. Mal schauen wie ich das in Deutschland hinbekomme, ohne Wellen.

Die ewige Walz – ist sie zu Ihrem Schicksal geworden?

Ich glaube nicht, dass es so ist. Ich wünschte mir, dass es so wäre bzw. dass ich daran Spaß hätte, es bis ans Ende meines Lebens zu machen. Ich habe diese zwei Jahre als Journeyman bewusst so festgelegt. Außerdem bin ich nicht mehr auf der Walz, ich arbeite nicht mehr für Kost und Logis. Ich bin einfach im Ausland. Und meine Tätigkeit ist eine andere.

Sie sind aber doch ein Journeyman geblieben. Haben Sie die "Konstanten im Alltag" wie den morgendlichen Kaffee beibehalten?

Es sind diese Routinen, Wohlfühlmomente, möglicherweise auch Betäubungsmomente, in denen man sich fallen lassen kann. Das ist natürlich schwierig in einer Situation, die man nicht kennt. Das Besondere ist eben auch, wenn man diese Grenze überschreitet, außerhalb des morgendlichen Kaffees, das macht das ganze so besonders und dann wieder zurückgeht zu den Routinen, um sich darin wohl zu fühlen.

Das ist genauso wie bei allen Sachen, nach denen man süchtig ist. Je länger man aushält, ohne diese Sucht zu befriedigen, desto größer ist die Befriedigung, wenn man es wieder zulässt. Das ist das gleiche mit der Fastenzeit. Wenn man einen Monat keinen Alkohol trinkt oder kein Fleisch isst, dann kann man sich wieder dem Genuss hingeben. Und das ist viel besser, als wenn man sich jeden Tag die Sachen reinschüttet. Weil man es einfach nicht genießen kann.

Ist dies als Lebenstipp zu verstehen, an all jene, die im Alltag unglücklich sind, geschlaucht vom Leben, ständig im Dauerstress?

Absolut. Man kann ja beispielsweise mal eine Woche lang ganz was anderes tun. Und sei es nur, eine andere Biermarke zu trinken, als die man normalerweise trinkt. Irgendwas, woran man sich erinnert, festhalten kann. Es sind nämlich genau diese Momente auf Reisen. Meine erste Reise könnte ich komplett rekonstruieren. Ich kann mich an jeden Tag erinnern. Deswegen verlängert es das eigene Leben, man kann jeden Tag mit einer Stecknadel festhalten. Und somit hat man einen viel größeren Erinnerungsschatz. Und das Gefühl, man (er)lebt viel mehr.

Welcher Ort auf der Welt ist für Sie der schönste?

Ich war einmal sehr Asienaffin und hätte mir gewünscht, dorthin zurückzukehren. In den Norden von Laos, der war noch sehr unberührt. Aber das hat sich vermutlich schon geändert. Am schönsten? Hier, wo ich gerade bin. Ich war letzte Woche in "Las Galleras", da gibt es ein Restaurant, direkt auf den Klippen, die Wale ziehen morgens am Horizont vorbei. Das ist ein Ort, an dem ich eine Zeitlang bleiben und ihn nur auf mich wirken lassen könnte, ohne irgendetwas zu tun, was bei mir sehr untypisch ist.

Was treibt Sie an?

Ich bin ein ziemlich fauler Typ. Es braucht schon echt was, um mich anzutreiben. Und das ist dann meistens die Unzufriedenheit. Ich könnte ja auch sagen, ich will so viel wie möglich erleben, damit ich meinem Leben einen Sinn gebe. Aber: Ich muss es leider zugeben: Wäre ich dauerhaft glücklich, mit mir und der Situation in der ich stecke, dann würde ich nichts mehr tun, weil ich so faul bin. Also: Irgendwann kommt der Punkt der Unzufriedenheit und das ist spätestens der Moment, wo ich was tun muss. Das kann einfach ein Projekt sein. Ich habe mir beispielsweise letzten Dezember ein neues aus einem alten Surfboard gebaut. Meistens ist es etwas, was ich noch nie getan habe. Aber in das ich mich so richtig reinfuchsen muss: Ein Projekt mit den Händen, ein Buch schreiben.

Unter Ihrer Skype-Adresse steht auch "Neat Hedonism" geschrieben. Sind Sie denn ein Hedonist?

"Neat Hedonism" stammt aus meinem ersten Aufenthalt in Santo Domingo vor 4 Jahren und ist zurückzuführen auf die karibische Kultur, in der Hedonismus eine große Rolle spielt. Fast alles ist auf den Genuss oder den eigenen Vorteil im Jetzt ausgerichtet. Das Konzept widerspricht meinem eigenen Charakter eigentlich. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass diese Lebenseinstellung irgendwann jeden vereinnahmt, der sich hier für längere Zeit aufhält.

Im Hintergrund höre ich Meeresrauschen oder täusche ich mich da? Darf man Sie um diese Location beneiden?

Ich sitze vor einem kleinen Hostel im Norden der Dominikanischen Republik und schaue auf den Ozean. Die Wellen waren heute sehr groß. Sie waren etwas angsteinflößend. Jetzt momentan ist es sehr sonnig. Es sind kaum Wolken am Himmel zu sehen. Ich höre das Meer rauschen und manchmal fährt ein Moped an mir vorbei. Hinter mir ist eine Straße, die sehe ich aber nicht. Das heißt ich schaue gerade auf den Atlantischen Ozean, in der Karibikregion, bei rund 30 Grad. Das ist schön.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-21 09:28:13
Letzte nderung am 2016-04-21 13:11:41



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