• vom 13.09.2016, 10:25 Uhr

Reisende

Update: 25.10.2016, 12:34 Uhr

Carmen Rohrbach

Reisen im Freiland




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Von Sabine Ertl

  • Carmen Rohrbach ist Deutschlands Grande Dame des Reisens. Die "Wiener Zeitung" hat sie zum Gespräch getroffen und über Beruf und Leben gesprochen, denn diese sind bei ihr eins.

Am Lagerfeuer in der Mongolei. - © C. Rohrbach

Am Lagerfeuer in der Mongolei. © C. Rohrbach

Schon als Kind träumte die promovierte Biologin Carmen Rohrbach vom Erkunden ferner Länder. Sie war unter anderem in Patagonien, Namibia, Peru, Island, der Mongolei. Sie hat länger auf den Galapagos-Inseln und im Jemen gelebt.

"Wiener Zeitung": Reisende haben eine andere Perspektive auf die Welt. Sehen Sie das auch so?

"Carmen Rohrbach": Natürlich, weil man über den eigenen Horizont hinausgeschaut hat.

Information

Carmen Rohrbach wurde in Bischofswerda, in der ehemaligen DDR, geboren. Sie ist promovierte Biologin und Reiseautorin.

Sie wurde 1976 nach einer zweijährigen Haft in Folge eines Fluchtversuchs aus einem Gefängnis freigekauft. 1980 wurde sie zum Thema "Untersuchungen zum Bruce-Effekt bei der Wüstenrennmaus" promoviert.

Ihre zahlreichen Expeditionen führten nach Asien, Afrika, Südamerika und Arabien. Ihr aktuelles Buch: "Am blauen Fluss. Entlang der Donau bis zum Schwarzen Meer"

Man beschreibt sie als Pionierin unter den deutschen Reisebuchautorinnen. Inwiefern halten sie es mit dem Trend, sich online zu vernetzten – egal wo immer sie auch sind, damit ihnen ihre Fans folgen können. Sozusagen LIVE an Ihren Spuren haften?

Auf meinen Reisen brauche ich keine modernen Technologien. Als ich ein Jahr im Jemen war, habe ich meine Mutter nicht angerufen, sondern lieber Briefe geschrieben. Bei einem Telefonat kann ich nicht viel mehr mitteilen, als: "Hallo! Wie geht’s dir? Gut. Danke". Auch benötige ich kein Handy, um jemanden anzurufen, wenn ich einen Unfall haben würde. Statt dessen bitte ich Menschen vor Ort um Hilfe.

Mit Beduinen im Jemen.

Mit Beduinen im Jemen.© C. Rohrbach Mit Beduinen im Jemen.© C. Rohrbach

Sie leben am Ammersee. Wie reiselustig sind sie im Moment?

Ich bin immer wieder längere Zeit zu Hause. Letzten Monat war ich gerade auf Lesereise in Norddeutschland und an der Ostseeküste unterwegs. Mit Lesungen finanziere ich meine Reisen, die mindestens ein halbes Jahr oder länger dauern. Bei den Veranstaltungen lerne ich meine Leser kennen, denn sonst ist mein Beruf schon recht einsam. Ich bin alleine unterwegs und beim Schreiben ist man auch alleine am Schreibtisch. Aus diesem Grund ist es für mich beglückend und bereichernd, in Kontakt mit meinen Lesern zu treten.

Lesen und Schreiben, ein Traumberuf. Funktioniert das bei Ihnen?

Es geht gut bei mir. Doch muss man diszipliniert sein. Das könnte nicht jedem gefallen.

Sie sind promovierte Biologin. Als Sie ein Kind waren haben Sie schon "von der Ferne geträumt".

Ich habe Biologie studiert mit der Vorstellung, von der Universität ins Ausland geschickt zu werden, um dort wissenschaftlich zu arbeiten und zwar im Freiland und nie im Labor. Ich habe von Jugend an geschrieben. Zunächst ging es nebenbei, aber es hat sich gut zusammengefügt und wurde mein Beruf.

Vom Deutschen Forschungsinstitut und dem Max-Plank-Institut hatte ich einen einjährigen Forschungsauftrag für wissenschaftliche Arbeit auf den Galapagos-Inseln. So habe ich mir meine Tätigkeit als Biologin vorgestellt. Doch kriegt man so eine Möglichkeit nur selten.

Sie haben dort ein Jahr gelebt. Ist Ihnen diese Zeit in "blühender Erinnerung" geblieben?

Wenn ich nur das Wort "Galapagos" ausspreche, weiß ich wie es dort riecht. Ich erinnere mich an die Hitze, die Gerüche, es ist, als ob es gerade erst gewesen wäre. Es geht mir bei all meinen Reisen so, da kann ich richtig eintauchen. Und es gibt mir einen kleinen Stich, wenn mich die Leute danach fragen. Ja, wann waren sie denn dort? Dann sage ich, gerade erst eben. Dabei wird mir erst bewusst, dass da ja schon Jahre dazwischenliegen.

In der Zeit, die sie in Deutschland verbringen, herrscht bei Ihnen Alltag. Dennoch zieht es Sie raus in die Welt.

Ich werde erst aufhören, wenn mein Körper mich dazu zwingt. Das Reisen macht mein Leben aus. Kürzlich frage mich die Besucherin bei einer Lesung: "Wann sind sie zu alt, um noch zu reisen?" Ich habe geantwortet, wenn ich nicht mehr neugierig bin. Mit meinem Körper habe ich Glück, er hat mir noch nie Schwierigkeiten gemacht. Hunger, Hitze und Kälte sowie Entbehrungen etc., da macht er gut mit. Ich halte sämtliche Strapazen aus. Das hat sich nicht geändert.

Sie sind allein als Frau auf Reisen. Ist das gefährlich? Oder vertrauen sie dem sozialen Gefüge vor Ort?

Da wär ich ja dumm und blauäugig. Vor jeder Reise male ich mir die Gefahren aus und überlege, wie ich das Risiko möglichst klein halten kann. Es ist immer und überall gefährlich, nicht nur bei meinen Reisen, auch in unserer Welt kann plötzlich etwas passieren.

Die Gebiete, wo ich unterwegs bin, sind dünn besiedelt, da droht schon mal von Menschen kaum Gefahr, da muss ich mich nur vor den Gefahren der Wildnis schützen. Wenn ich in besiedelte Gegend komme, halte ich mich an die Frauen, suche Kontakt mit ihnen, zum Beispiel, wenn ich auf der Suche nach einer Übernachtung bin, denn in abgelegenen Dörfern gibt es keine Pensionen.

Auch bei meiner Reise entlang der Donau von der Quelle im Schwarzwald bis zur Mündung ins Schwarze Meer, war mir bewusst, dass ich schnell zum Opfer werden kann, weil es eine relativ dicht besiedelte Gegend ist. Die beste Gegenwehr ist meiner Meinung nach einen Täter durch Reden abzulenken und seine Agression dadurch zu senken. Bei Menschen, die keine Psychopathen sind, ist mir das bisher immer gelungen.

Sie schlagen ein Zelt auf. Mit wie viel Gepäck sind sie denn unterwegs?

Wie kann man sich das vorstellen? Es ist ja auch sehr anstrengend sein.
Das kommt auf das Land darauf an, in einem rauen Klima wie Patagonien muss ich mehr mitnehmen als Schutz gegen Regen und Kälte. Schnell merkt man aber, was man alles nicht braucht. Es ist allerdings immer ein Kompromiss, zwischen mehr Komfort oder weniger Gepäck. Meist spare ich Gewicht, in dem ich nur leichte Nahrung mitnehme: Nüsse, Trockenfrüchte, Schokolade.

Darin verbirgt sich eine Weisheit. Haben wir zu viel in unsere Gesellschaft? Was braucht man denn wirklich. Was braucht der Mensch?

Bei den Beduinen habe ich gelernt, wie wenig ein Mensch braucht. Aber hier in der Zivilisation habe ich einen anderen Lebensstil. Was ich auf Reisen immer dabei habe, ist mein Fotoapparat und ein Schreibheft. Damit ich später auf die Erinnerungen auffrischen kann.

Ähnlich wie Bruce Chatwin in Patagonien. Der hatte ja auch immer ein kleines Heft dabei.

Bevor ich nach Patagonien reiste, habe ich sein Buch gelesen. Chatwin hat einen knappen, lakonischen Stil, ich versuche so bildhaft wie möglich zu schreiben.

Wo hat es ihnen am besten gefallen? Können Sie mir eine kurze Auswahl geben?

Das ist eine Frage, die ich eigentlich nicht beantworten kann, denn jede Reise war einmalig und besonders auf ihre Art. Aber, um die Frage dennoch zu beantworten, nenne ich drei Reiseziele: Erstens Galapagos, diese Inseln sind mit nichts anderem zu vergleichen. Die Tierwelt, die sich dort entwickelt hat, gibt es nirgendwo sonst. Diese Tiere haben auch keine Angst vor den Menschen. So stellt man sich das Paradies vor.

Zweitens der Jemen. Ich war dort mehrmals, zuletzt 2007. Als Frau hatte ich intensiven Kontakt mit den Jemenitinnen. Das hat ein männlicher Reisender nicht. Die Frauen haben mich wie eine Schwester behandelt. Aber ich hatte auch Zugang zur Männerwelt. Es sind tatsächlich zwei getrennte Welten. Ich war ein Jahr im Jemen, habe die arabische Sprache gelernt, mit dieser Sprachkenntnis konnte ich in ihre Welt ein tauchen. Mein Ziel war mit einem Dromedar durch den Jemen zu wandern. Nach einigen Widerständen ist mir das auch gelungen.

Dann will ich noch die Mongolei nennen, die ich 2006 bereist habe. Die Mongolei hat mich schon von Kindheit an fasziniert. Diese weiten Landschaften und das Leben der Nomaden.

Sie sind also auch eine "eine Grenzgängerin auf Reisen". Kann man das so sagen?

Schon immer fühle ich mich als Grenzgänger, nicht erst seit meiner Flucht aus der DDR, immer wieder auch durch meine Art des Reisens und den Kontakt zu Menschen, die anders leben als wir in Westeuropa.

Sie sind in der ehemaligen DDR geboren, in Bischofswerda. Sie flohen, wurden aufgegriffen und waren dann 2 Jahre in Haft. Haben Sie das gut verarbeitet?

Wenn man denkt, dass jemand so wie ich, der in die Welt raus will, plötzlich hinter Mauern eingesperrt ist, stellt man sich das bestimmt schrecklich vor. Es war auch schlimm. Ich hätte nie gedacht, dass Gefängnisse in der DDR so menschenverachtend sind. Wir wurden nicht körperlich gefoltert, jedenfalls habe ich das nicht erlebt, aber man hat versucht, uns unser Selbstwertgefühl zu nehmen und uns zu brechen.

Sie wurden also von einer "Flüchtenden" zu einer "Reisenden"?

Ich weiß jetzt, dass ich mich als Jugendliche in meiner Selbsteinschätzung nicht getäuscht habe. Damals schon war mir bewusst, dass ich für diesen Beruf, den ich lebe, bestens geeignet bin. Ich brauche Herausforderungen, um sie zu überwinden.

Sie haben in der DDR studiert und mit einem Diplom abgeschlossen.

Nach dem Studium gab es Möglichkeiten Forschungsreisen zu beantragen, in kommunistische Länder, die Mongolei und Kuba. Doch wurden diese immer wieder bei mir abgelehnt, da ich in Westdeutschland Verwandte hatte.

"Flüchten" ist in Europa ein großes Thema. Erst im September ist die große Flüchtlingsrolle über Europa eingebrochen. Wie stehen sie dazu als ehemalige "Flüchtende"? Im deutschen Fernsehen wurden zu diesem Zeitpunkt auch viele Filme aus der DDR gezeigt. Glauben Sie hat dies stattgefunden, um ein Bild der Flüchtlinge zu symbolisieren?

Vielleicht wollten die Fernsehanstalten zeigen, dass schon immer Menschen geflüchtet sind, bereits nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn man nicht noch weiter in der Geschichte zurückgehen will.

Ist die Solidaritätswelle in Deutschland vorbei?

Vielleicht der Überschwang, aber ich kenne in meiner Umgebung nicht wenige Menschen, die bei der einmal übernommen Aufgabe bleiben und weiter helfen.


Haben Sie diese Länder bereist: Syrien, Afghanistan, Libyen?

Von den arabischen Ländern kenne ich Marokko und Jemen und von den afrikanischen Tansania, Kenia, Namibia und Südafrika.

Wie steht es denn mit ihren Fremdsprachenkenntnissen?

Deutsch, Spanisch, Englisch, Arabisch, Mongolisch. Man muss den Wortschatz immer wieder üben. Im Russischen kann ich nur die Schrift.

Was treibt sie an?

Neugierde ist mein Motor. Diese kann ich in Deutschland und Europa nicht ausleben, weil ich das Unbekannte suche. Also: Ich will etwas beobachten, beschreiben und anderen Menschen darüber berichten. Nur Reisen um des Reisens willen, das wollte ich nie.

Wo führen ihre nächsten Reisen hin?

Ich habe viele Pläne. 2016 bin ich auf Lesereisen unterwegs. 2017 stehen mehrere Destinationen zur Auswahl . Kamtschatka ist eine Möglichkeit. Neu-Guinea, Neuseeland, Australien, viele Länder in Asien, die Erde ist groß! Ich würde auch gerne in Kanada in einem Blockhaus ein Jahr lang leben, dort über den Winter bleiben. Dafür müsste ich allerdings eines finden, das meinen Bedürfnissen entgegenkommt. Wo Wildnis ringsherum herrscht.

Sperren sie in Deutschland einfach die Wohnung zu, wenn sie wieder aufbrechen?

Ja, ich schließe gut ab. Meine Nachbarin hat den Schlüssel, um meine Blumen zu gießen und nach dem Rechten zu schauen.





Schlagwörter

Carmen Rohrbach, Reisende, Jemen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-05-09 12:27:00
Letzte nderung am 2016-10-25 12:34:35



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