• vom 22.12.2016, 10:55 Uhr

Reisende

Update: 22.12.2016, 13:16 Uhr

Peter Baumann

"Wir wollen keine Technikfriedhöfe"




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Von Sabine Ertl

  • Peter Baumann vom Verein "Ingenieure ohne Grenzen" (IOG) kennt die Welt und das wirkliche Leben in Entwicklungsländern, wo er sich aktiv engagiert. Über seine Lebenserfahrung hat er mit der "Wiener Zeitung" gesprochen.

IOG engagiert sich in Tansania..... - © IOG Austria

IOG engagiert sich in Tansania..... © IOG Austria

"Wiener Zeitung": Sie leben im oberösterreichischen Wels. Und Sie haben viele Orte auf der ganzen Welt bereist. Haben Sie diese Eindrücke geprägt?

"Peter Baumann": Ja. Ich sehe die in Österreich lebenden Menschen aus anderen Ländern in einem anderen Licht. Ich kann sie mich besser in sie hineinfühlen, sie besser verstehen. Denn ich hatte ja die Möglichkeit, die Randbedingungen fremder Länder, Kulturen und Religionen kennenzulernen. Ein Beispiel: Bei uns ist es recht einfach, in einem Kühlschrank Schweinefleisch zu lagern. In der Arabischen Wüste ohne Stromversorgung gestaltet sich das schon komplizierter. Ähnlich schwierig ist es, Schweine in der Wüste zu halten. Bei Ziegen und Schafen ist das schon einfacher, da ihr Fleisch weniger schnell verdirbt. Wir können also viel von Regelungen und Handlungsweisen anderer Länder und Kulturen lernen. Die sind nämlich auch manchmal besser als bei uns.

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... mit der Instandsetzung von Wasseraufbereitungsanlagen.

... mit der Instandsetzung von Wasseraufbereitungsanlagen.© IOG Austria ... mit der Instandsetzung von Wasseraufbereitungsanlagen.© IOG Austria

Wie ist es denn bei uns?

Es geht uns gut hier. Auch wenn ich mich zuweilen über unsere Politiker und unser Sozialsystem ärgere, vergleiche ich unseren Status mit Situationen, die ich in anderen Ländern erlebt habe. Dann relativiert sich der Ärger schnell wieder.

Wo gefällt es Ihnen besonders gut?

Irgendwie hat jedes Land seinen besonderen Reiz. In Island ist es die Natur, auf Mauritius das interkulturelle Zusammenleben. Besonders gut gefällt es mir auf den britischen Karibikinseln: Sonne, Meer und trotzdem hoher Lebensstandard, leider aber auch immer wieder Hurrikans.

Was schätzen Sie in Österreich?

Peter Baumann ist Gründungsmitglied von IOG Austria. Der Verein arbeitet international, deren Zweck in der Durchführung von Projekten in der technischen Entwicklungszusammenarbeit besteht. Hilfe gibt es für Menschen in der ganzen Welt: Beim Bau von Brücken und im Bereich der Wasser- , Energie- und Sanitärversorgung, um die alltäglichen Lebensumstände in Entwcklungsländern zu verbessern.

Peter Baumann ist Gründungsmitglied von IOG Austria. Der Verein arbeitet international, deren Zweck in der Durchführung von Projekten in der technischen Entwicklungszusammenarbeit besteht. Hilfe gibt es für Menschen in der ganzen Welt: Beim Bau von Brücken und im Bereich der Wasser- , Energie- und Sanitärversorgung, um die alltäglichen Lebensumstände in Entwcklungsländern zu verbessern.© IOG/P. Baumann Peter Baumann ist Gründungsmitglied von IOG Austria. Der Verein arbeitet international, deren Zweck in der Durchführung von Projekten in der technischen Entwicklungszusammenarbeit besteht. Hilfe gibt es für Menschen in der ganzen Welt: Beim Bau von Brücken und im Bereich der Wasser- , Energie- und Sanitärversorgung, um die alltäglichen Lebensumstände in Entwcklungsländern zu verbessern.© IOG/P. Baumann

Natürlich komme ich immer wieder gerne nach Hause, zu meiner Familie. Die Vorteile in Mitteleuropa: Gemäßigtes Klima, vier Jahreszeiten, eine hohe soziale Absicherung, Frieden, verhältnismäßig wenig Naturkatastrophen.

Sie sind oft abseits touristischer Pfade unterwegs. Haben Sie so das wirkliche Leben der Menschen besser kennenlernt?

Meine Erlebnisse würden ein Buch füllen: Afrikanische Kinder, die mich fragen, ob sie mich anfassen dürfen, weil sie wissen wollen, wie sich ein Weißer anfühlt. Massai, mit denen ich über den Klimawandel diskutiert habe, oder versucht habe zu erklären, wie sich Frost anfühlt. Tansanier, die ganz ängstlich fragen, ob wir keine Angst vor Krokodilen haben, wenn ich ihnen erzähle, dass wir in Europa in Seen schwimmen gehen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es Seen ohne Krokodile gibt.

Wie sind Sie unterwegs?

Meine beruflichen Reisen sind sehr durchgeplant: Flugzeug, Taxi oder Chauffeur, Hotel. Es wird nichts dem Zufall überlassen. Privat reise ich wie es mir gerade am sinnvollsten erscheint. Das kann ebenfalls ein Auto, die Bahn oder ein Flugzeug sein. Aber auch ein Linienbus oder ein Fährschiff. Früher bin ich manchmal per Anhalter mit dem Rucksack unterwegs gewesen.

Haben Sie eigene Kommunikationsstrategien, um Kontakte zu knüpfen?

Besonders interessant ist es, einen lokalen Taxifahrer anzusprechen und mit ihm eine Tagestour zu machen. Ich sage ihm dann, was ich sehen will. Anfangs sind die Fahrer meist überrascht über meine Wünsche, weil sie gewohnt sind, Ausländer zu den touristischen Attraktionen zu fahren, aber mit der Zeit tauen sie auf und freuen sich, dass sich jemand für ihr Land und ihr Leben interessiert. Nicht selten wird man auch in ein Wirtshaus der Einheimischen zum Essen mitgenommen und bekommt Plätze gezeigt, die kein Tourist je sehen würde. Auch erfährt man von den Fahrern, wo und wie sie leben und sie sich die Zukunft vorstellen, wovon sie träumen.

Das hört sich an wie ein Abtasten fremder Kulturen.

Wenn ich beruflich unterwegs bin, setze ich mich nach Feierabend beispielsweise in einen Linienbus und fahre in die Vororte, um dort spazieren zu gehen. So ergeben sich Gespräche. Einmal war ich sehr verwundert, weil mich alle Leute neugierig angesehen haben, bis mir bewusst wurde, dass ich der einzige Weiße auf der Straße war. Da spürt man erst, wie es einem Afrikaner in Europa gehen muss. Bei Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln lernt man vor allem, dass es verschiedene Definitionen von Zeit, Entfernung und Pünktlichkeit in der Welt gibt. Zwei Stunden Verspätung können manchmal überpünktlich sein.

Welche Rolle spielen finanzielle Mittel, sprich: Geld?

Geld ist wichtig, alleine um überhaupt ins Projektgebiet zu kommen. Vor Ort ist es aber viel wichtiger, Kontakte zu knüpfen und zu lernen, was die Leute brauchen - und vor allem wollen - und womit die Menschen vertraut sind. Ich habe immer wieder erlebt, dass man teure, hochtechnisierte Anlagen gespendet hat, die dann verrottet sind, weil die Menschen nicht damit umgehen konnten. Diese nicht akzeptiert haben oder einfach keine Ersatzteile bekommen haben. Auch kam es vor, dass sich die Spender aus Europa oder Amerika nicht mehr gerührt haben.

Was auch bedeutet, kulturelle Differenzen zu überbrücken und in Nachhaltigkeit zu investieren.

Für "Ingenieure ohne Grenzen Austria" ist es vor allem wichtig, Mitglieder zu finden, die nicht nur als Ingenieur, sondern vor allem als Mensch denken. Nachhaltigkeit und Nachbetreuung der Projekte ist essentiell. Wir wollen keine Technikfriedhöfe schaffen, sondern Maßnahmen, die die Leute positiv in ihr Leben integrieren können. Aber natürlich benötigen wir dafür auch Geldspenden und Fördergelder.

Leisten Sie einen Beitrag zur Völkerverständigung?

Ich hoffe. Wenn man miteinander spricht und arbeitet, lernt man viel über den Gesprächspartner und sein Leben, seine Kultur und Heimat. Auch unsere Partner vor Ort bekommen einen anderen Eindruck über das Leben in Europa und erfahren so, dass auch wir in keinem Schlaraffenland leben.

Was ist Ihre Aufgabe in der Organisation "Ingenieure Ohne Grenzen"?

Ich habe den Verein gemeinsam mit Christian Neureiter und Laura Emmermacher ins Leben gerufen und das erste Statut ausgearbeitet. Bei der ersten Vorstandswahl habe ich mich aber nicht mehr aufstellen lassen und habe seither kein offizielles Amt im Verein. Wir haben zum Glück einen sehr guten und sehr engagierten Vorstand, der viel Zeit investiert und exzellente Ergebnisse liefert. Ich versuche den Vorstand und unsere Regionalgruppe durch mein Wissen und meine Erfahrung zu unterstützen und arbeite in Oberösterreich an den Projekten fachlich mit, soweit es meine Zeit erlaubt.

Ist Ihr Beruf ein sehr technischer? Man denkt an Entwicklungsländer und Wasseraufbereitung und die Errichtung von Trockentoiletten. In welchen Ländern sind sie aktiv?

Mein Beruf ist grundsätzlich sehr technisch. Es geht um Wasserkraftwerke, Gas- und Dampf-Kraftwerke, Industrieanlagen. Bei der Arbeit für "Ingenieure ohne Grenzen" in Entwicklungsländern sind die Anforderungen sehr unterschiedlich: Es gibt Projekte mit Solaranlagen beispielsweise in Äthiopien, aber auch Projekte, z.B. in Nepal, bei denen wir versuchen, mit einfachsten Mitteln Regenwasser für die Landwirtschaft aufzufangen. Aber auch solche, bei denen die Bildung oder die Ausbildung im Vordergrund stehen.

Was brauchen die Menschen in diesen Ländern am dringendsten?

Man darf sich Afrika oder Asien nicht nur als großes Steppengebiet ohne Infrastruktur vorstellen. Es existieren dort große Städte mit Wasserleitung, Internet, Industrieanlagen und Universitäten ebenso wie kleine Dörfer mit einfachen Buschhütten, ohne Toilette, Strom oder Schulen.

Zum Thema "Trockentoiletten". Was kann man sich darunter vorstellen?

In ariden Gebieten ohne Wasserversorgung und Kanal funktioniert nur eine Trockentoilette. Die Technik ist aber nicht das einzige Entscheidungskriterium. In Nordafrika gibt es hauptsächlich Steh-WCs. Obwohl sie ähnlich unserer Sitztoilette gebaut ist, würde wohl kaum ein Mitteleuropäer ein Steh-WC in seiner Wohnung akzeptieren, weil er es nicht gewohnt ist. Das heißt, es ist nicht Teil unserer Kultur. So müssen auch wir neben der Technik die kulturellen Gegebenheiten berücksichtigen.

Wie definieren Sie die Anforderungen von jedem einzelnen Projekt?

Diese sind immer anders. Ich komme häufig aus den Projektgebieten zurück und habe dort mehr gelernt als gelehrt. Man ist oft überrascht, mit welch einfachen technischen Mitteln man viel erreichen kann. Das haben wir in Europa bereits alles verlernt, weil wir nur noch im Internet stöbern, statt den alten Leuten auf die Finger zu schauen und ihnen zuzuhören oder das Handwerk mehr zu fördern.

Der österreichische Zweig der IOG ist als Start-up Mitglied in den weltweit existierenden IOG-Vereinen ("Engineers Without Borders") integriert. Es gibt Regionalgruppen in fünf verschiedenen Bundesländern: Salzburg, Graz, Leoben, Oberösterreich, Tirol und Wien. Wie arbeiten diese zusammen?

Der Verein hat, so wie jeder österreichische Verein, ein Statut, das die Randbedingungen regelt. Grundsätzlich arbeitet aber jede Regionalgruppe autark, wählt einen Regionalsprecher oder Regionalsprecherin, sucht ihre eigenen Projekte aus und bearbeitet sie. Die Aufgabe des Vorstands ist, darauf zu achten, dass das Statut eingehalten wird. Auch Förderanträge, Finanzen oder Öffentlichkeitsarbeit laufen über den Vorstand, der die Randbedingungen dafür festgelegt.

Wie läuft hier die Kommunikation ab?

Regionalgruppenprotokolle und Projektinhalte werden per Mail an alle Regionalgruppen verteilt und einmal pro Jahr gibt es eine Versammlung, an der alle Vereinsmitglieder teilnehmen können. So ist der Informationsaustausch untereinander gewährleistet. Auch bei technischen Fragen wird zwischen den Regionalgruppen kommuniziert und es gibt inzwischen Projekte, an denen mehrere Regionalgruppen beteiligt sind, falls einer Regionalgruppe das Know-How im erforderlichen Fachgebiet fehlt.

Sie arbeiten unentgeltlich?

Wir bekommen kein Geld für unsere Arbeit. Engagieren kann sich jeder, der will. Wichtig ist, dass die Leute engagiert sind, Zeit haben und bereit sind, ihre Freizeit zu investieren. Man muss auch nicht zwingend Vereinsmitglied werden, um mitzuhelfen. Ohne Mitgliedschaft kommt man aber nicht in das Projektland, da kein Versicherungsschutz besteht.

Wären auch ältere Menschen als Mitarbeiter gefragt?

Ja, definitiv. Ich würde mir wünschen, dass insbesondere die Zahl der berufserfahrenen Pensionisten mit viel Freizeit zunehmen würde. Denn es ist schwierig, ein Projekt vor Ort über mehrere Wochen zu betreuen, wenn man studiert oder berufstätig ist.

Ihr Slogan lautet: "Wir sind so stark und vielseitig wie unsere Mitglieder."

Wir nennen uns zwar "Ingenieure ohne Grenzen", aber eigentlich benötigen wir alle Berufe, Talente und Fähigkeiten. Finanzwissen, Rechtswissen, Handelskenntnisse sind ebenso wichtig wie Fremdsprachen, Public Relations, Zollbestimmungen, IT-Kenntnisse oder Sozialwissenschaften. In einem Projekt brauche ich den Wissenschaftler, in einem anderen den Handwerker. Wir haben Mitglieder aus den verschiedensten Berufen, männliche und weibliche Mitglieder, Mitglieder unterschiedlichster Nationalitäten, Schüler und Schülerinnen, Studenten und Studentinnen, Berufstätige, Pensionisten und Pensionistinnen.

Wo liegen die Erfolgsfaktoren internationaler Entwicklung?

Zuhören, lernen, das Anderssein akzeptieren, miteinander reden und arbeiten. Jedes Land, jede Kultur hat seine Eigenheiten. Wenn ich meine Technik einem anderen aufdrücken will, scheitere ich unweigerlich. Nur gemeinsame Entwicklungen funktionieren langfristig.

Ist Ihre Arbeit auch eine politische?

In unserem Statut haben wir festgelegt, dass wir unpolitisch sind und uns nicht politisch engagieren oder politische Meinungen vertreten. Natürlich darf oder soll jedes einzelne Mitglied sich privat politisch engagieren und seine Meinung als Privatperson äußern. Das ist aber die persönliche Meinung und nicht die des Vereins.

Aber Sie können sich ja nicht ganz aus der Politik heraushalten.

Nicht wirklich. Denn, auch wenn wir keine politischen Aussagen treffen oder die Interessen einer politischen Richtung vertreten, stellt doch jede Projektaktivität eine Änderung der Randbedingungen vor Ort dar. Damit greifen wir unweigerlich in das lokale soziale System und damit in die Lokalpolitik ein.

Macht das auch Probleme?

Ich erinnere mich an ein Projekt auf den Kap Verden, wo uns die lokale Regierung Steine in den Weg gelegt hat, weil wir kurz vor den Wahlen standen und man befürchtete, dass das Projekt Stimmen für eine Oppositionspartei bringt. Auch benötigen wir meist diverse Behördengenehmigungen und kommen so mit der Politik in Kontakt.

Die Wiener Regionalgruppe von IOG setzt beispielsweise auf "Transkulturelle Kommunikation, die Brücken baut".

Der Fokus liegt hier auf den unterschiedlichen Perspektiven und Situationen von geflüchteten Menschen in Österreich. Es geht darum, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Gastland und Herkunftsland als auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Herkunftsländern herauszuarbeiten. Es sollen auch Flüchtlinge aus den verschiedenen Ländern zu Wort kommen. Es gibt ja nicht nur unterschiedliche Kulturen zwischen Gastland und Herkunftsland, sondern auch die Kulturen der Herkunftsländer sind verschieden. So wie Nord- und Südeuropäer sehr verschieden sind, sind auch Personen aus arabisch geprägten Staaten und Zentralafrika sehr unterschiedlich in ihrer Mentalität und ihrer Kultur.

Welche Projekte sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Jedes Projekt hat Hochs und Tiefs, nette Menschen und Leute, die man nicht so mag. Mir fällt kein Projekt ein, das mich außergewöhnlich berührt hätte. Es berührt mich aber immer, wenn ich sehe, dass die Projektpartner das Ergebnis nicht nur annehmen, sondern als ihr eigenes Werk betrachten. Es berührt mich aber auch negativ, wenn ich merke, dass ich wieder zu europäisch gedacht und gehandelt habe und damit Menschen vor den Kopf stoße.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-07 10:08:07
Letzte nderung am 2016-12-22 13:16:21



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