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Update: 21.03.2017, 12:46 Uhr

Nina Prodinger

Weltbürgerin mit Weitblick




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Von Sabine Ertl

  • Nina Prodinger ist eine pragmatische Idealistin und Weltbürgerin. Sie engagiert sich für all jene, die einen Blick über den Tellerrand wagen wollen.

Nina Prodinger mit ihren Kindern Alice und Arno. - © N. Prodinger

Nina Prodinger mit ihren Kindern Alice und Arno. © N. Prodinger

Die Welt, ein Spielplatz. Ein vertrauter Ort mit vielen Freunden, bei denen man sich gut aufgehoben fühlt. Mit und von ihnen lernt. Das klingt nach einer Illusion, ist es aber nicht. Davon ist Nina Prodinger überzeugt. Darüber und über ihre feministische Einstellung hat sie mit der "Wiener Zeitung" gesprochen. Dabei hat sie auch erklärt, warum ein Montag immer ein guter Tag sein sollte. Eine Lebensphilosophie.

Fernweh war immer schon Teil ihres Lebens. Geboren in einem Dorf im Lungau, hat sich Nina Prodinger gleich nach ihrer Matura auf den Weg gemacht, die Welt zu erkunden. Sie hat in Australien, Neuseeland, Großbritannien gelebt und Menschen kennen gelernt, die genau so denken wie sie. Aus einer kleinen Gruppe entstand der Verein "GloblalNatives", der sich auf Non-Profit-Ebene dafür einsetzt, Menschen rund um den Globus miteinander in Kontakt zu bringen. "GlobalNatives" sieht sich als ein "LinkedIn" für Familien.

"Wiener Zeitung": Der 8. März wird als "Internationaler Frauentag" gefeiert. Wie stehen Sie dazu?

"Nina Prodinger": Ich persönlich war mein ganzes Leben lang Feministin, nicht im militanten und schon gar nicht im männerfeindlichen Sinne, aber sehr wohl kampfeslustig - besonders wenn es um Gewalt gegen Frauen und um Ungleichbehandlung im Beruf geht. Zahlreiche ältere Frauen können, das fällt wirklich auf, mit dem Thema nichts anfangen. Und viele sehr junge Mädels verstehen nicht, warum es ein Thema ist. "Es geht uns eh‘ gut", meinen sie. Dazwischen liegt allerdings viel fruchtbarer Boden!

Nina Prodinger, Jahrgang 1962, ist im Lungau aufgewachsen. Sie hat drei Kinder. Acht Jahre lebte sie im Ausland, in Neuseeland, Australien, in Großbritannien. Ihr Engagement gilt GlobalNatives. Den Verein gibt es seit 2009.

Nina Prodinger, Jahrgang 1962, ist im Lungau aufgewachsen. Sie hat drei Kinder. Acht Jahre lebte sie im Ausland, in Neuseeland, Australien, in Großbritannien. Ihr Engagement gilt GlobalNatives. Den Verein gibt es seit 2009.
© N. Prodinger Nina Prodinger, Jahrgang 1962, ist im Lungau aufgewachsen. Sie hat drei Kinder. Acht Jahre lebte sie im Ausland, in Neuseeland, Australien, in Großbritannien. Ihr Engagement gilt GlobalNatives. Den Verein gibt es seit 2009.
© N. Prodinger

Feminismus wird also von unterschiedlichen Generationen verschieden aufgenommen. Wie definieren Sie Ihren Feminismus?

Feminismus kann nur für etwas und nicht gegen etwas sein. In vielen Berufen ist diese Botschaft schon angekommen. Denn: Frauen sollten zusammenhalten. Nicht die Köpfe zusammenstecken, um gemeinsam gegen etwas zu sein. Sondern, der anderen den Rücken stärken im Sinne von: "Ich kenne sie zwar nicht, aber ich stelle mich hinter sie".

Wie könnte das konkret aussehen?

Unter der Präsidentschaft von Barack Obama haben sich die Frauen im Weißen Haus zusammengetan. Denn es war seit längerer Zeit auffällig, dass zwar Frauen in einem Meeting eine Wortmeldung machten, daraufhin aber nur genickt und zur Tagesordnung weitergegangen wurde. Aber: Keine drei Minuten später hat irgendein Mann das gleiche Thema wieder aufgenommen und alle haben brav zugehört.

Das hat jede Frau schon erlebt…

Nun sind die Frauen im Weißen Haus diesem weltweiten Phänomen zuvorgekommen und haben unter sich vereinbart, dass in dem Moment, wo eine Frau etwas sagt, und man den Eindruck hat, dass es wieder übergangen wird, sich eine von ihnen sofort wieder meldet, um ganz explizit darauf hinzuweisen: "Was die Frau Sarah gesagt hat, trifft den Punkt ganz genau. Was halten sie davon?" Nur so wird es in den Köpfen - der Männer - auch verankert.

Frauen zwischen Beruf und Familie. Wie sehen Sie das?

Was für Frauen gut ist, ist für die ganze Gesellschaft gut. Auch für die Männer. Die gesamte Familie. Leicht vergessen wird auf das Dilemma vieler Alleinerzieherinnen, die ihren Kindern vieles nicht ermöglichen können, wenn die Ex-Partner nicht verlässlich ihren Beitrag leisten. Das ist ja wirklich weltweit präsent. Wenige Frauen haben die Möglichkeit, in jeglicher Hinsicht flexibel zu arbeiten.

Trifft das auf Sie zu?

Gottseidank ja. Meine Arbeit bei "GlobalNatives" kann ich zeitlich und individuell sehr gut einteilen. Fast zeitgleich habe ich wie Sabine Oberhauser meine Krebsdiagnose bekommen. Wir haben fast parallel Therapien, Operationen und die Chemotherapie durchlaufen. In diesen Phasen gibt es Momente, wo man nur liegen und niemanden sehen oder hören kann. Und drei Tage später fühlt man sich wieder in der Lage, etliche Stunden durchzuarbeiten. Ich weiß, dass ich hier nicht alleine bin. All jene, die von Krankheit, Todes- oder einem Pflegefall betroffen sind, befinden sich plötzlich in einer völlig anderen Lebenssituation. Das gilt auch für jene, die Kinder oder ältere Menschen betreuen müssen oder behinderte Kinder daheim haben. Deswegen sind unsere MitarbeiterInnen und ich geradezu privilegiert mit unseren Jobs. In welchem regulären Arbeitsverhältnis ist das schon möglich?

Was machen Sie konkret bei "GlobalNatives"?

Ich arbeite im Vorstand. Zu meinem Aufgabenbereich gehört es, Strategien zu entwickeln, an der Zukunftsplanung zu arbeiten und Potentiale zu suchen.

Wie hat alles angefangen?

Ich bin ein Gründungsmitglied des Vereins. Insgesamt waren wir zwölf aus allen Ländern der Welt: USA, Argentinien, Hong Kong, Neuseeland, Kanada, Australien, Schweden und Großbritannien. Fünf Frauen und sieben Männer. Und wir waren uns schon damals einig: Jeder Mensch ist anders und alle sind gleich viel wert. Das gilt für Gender, Rasse, Religion, politische Überzeugung und sexuelle Orientierung, Hochbegabte und Menschen mit Handicap. Wir stehen für Selbsthilfe und Individualität. Im Unterschied zu Agenturen und Institutionen kann sich über "GlobalNatives" jeder einen Partner aussuchen, der am besten zu ihm passt.

Sie sind überall in der Welt zuhause. Was kann man sich darunter vorstellen?

"GlobalNatives" hat sich seit der Gründung 2009 ein Team von etwa 100 MitarbeiterInnen aus den unterschiedlichsten Ländern aufgebaut. Mit dabei sind rund 360.000 aktive Familien. 52 Prozent davon sind Europäer. Wir verlangen nur einen bescheidenen Mitgliedsbetrag von 168 Euro. Die Leistung dafür ist gewaltig, denn der Austausch beruht auf Gegenseitigkeit und Vertrauen.

Schicken Österreicher ihre Kinder gerne ins Ausland?

Die Crux der Sache ist, dass auch heute noch die meisten jungen Leute viele Hürden meistern müssen, wenn sie während und nach der Schulzeit Auslandserfahrungen machen möchten. Es sei denn, sie kommen aus einem Elternhaus, in dem Kapital und Kontakte eine Selbstverständlichkeit und Berührungsängste mit fremden Ländern und Kulturen kein Thema sind. Aber das ist eher selten.

Auslandserfahrung in jungen Jahren – ist diese für ein Leben lang prägend?

Wenn ein Kind in jungen Jahren Fremdsprachen hört und andere Kulturen erlebt, wird es Teil des eigenen Ich. Das verliert man nie wieder. Wie Schwimmen und Radfahren. Ich glaube fest daran, dass Kinder durch Auslandserfahrung mit einer völlig anderen Geisteshaltung und Internationalität in die Schule und ins Leben gehen.

Ich erinnere mich in meiner Jugend an die Sorgen meiner Eltern: Wo sollen wir die Kinder denn heuer wieder hinschicken?

Dieses: "Ja, wenn man halt wen kennen würd‘" (…) gibt es nach wie vor. Aber es ist möglich. Für Kinder und ihre Entwicklung – sich selbst zu erfahren und begreifen – bietet ein "Ausflug" in die Welt große Chancen. Sie können so eher herausfinden, ob das ein möglicher Weg ist oder das. Man kann Kindern schon sehr früh Wege öffnen. Nach der Matura jedoch sind manche Weichen schon gestellt. Denn: Jemand, der gerne das macht, was er tun muss, um zu leben, der wird gerne Leben, um zu tun, was er machen muss. Darum sollte man auch anfangen, Montage zu lieben.

Montage?

Ja, hierzulande ist der Wochenbeginn verhasst. Vor 30 Jahren habe ich das erste Mal darüber nachgedacht, dass, sich auf einen Montag nicht zu freuen, bedeuten würde, sich das Leben wegzuwünschen. Im englischsprachigen Raum sagt man dazu: "Wishing your life away". Medial wird uns ja oft eingetrichtert, dass wir am Montag schon froh sein sollten, bald am Freitag angekommen zu sein. Das ist falsch. Jeder Tag ist Lebenszeit. Ist dieser vorbei, kann er durch nichts wiedergelebt werden. Es geht um den Zugang zu einem anderen Lebensstil. Um Wachsein und Neugierde, so dass ich mich auf jeden Montag ein Leben lang freuen kann.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-08 12:19:24
Letzte nderung am 2017-03-21 12:46:24



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