• vom 21.03.2017, 11:15 Uhr

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Update: 22.03.2017, 09:26 Uhr

Bruno Valic & Danijel Domic

Extrahieren auf Klappstühlen




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Von Sabine Ertl

  • Wer lässt sich schon gerne freiwillig einen Zahn ziehen? Zwei Wiener Zahnärzte erleichtern in ärmsten Regionen der Welt Tausende von ihren Schmerzen.

Domic und Valic: Meistens in ihrer Ordination in der Salesianergasse und zwischendurch helfend in der Welt unterwegs. - © Stanislav Jenis

Domic und Valic: Meistens in ihrer Ordination in der Salesianergasse und zwischendurch helfend in der Welt unterwegs. © Stanislav Jenis

Ihren normalen Berufsalltag üben der kroatischstämmige Bruno Valic und Danijel Domic, mit serbischen Wurzeln, in einer eingesessenen Zahnarztgruppenpraxis im dritten Wiener Gemeindebezirk aus.

Sie sind aber auch Gründer des Vereins #dentisttheworld und arbeiten unentgeltlich an den Zähnen von Menschen in Afrika. Heute steigt am Vienna International Airport eine Gruppe von 20 Freiwilligen in den Flieger.



Destination: Sansibar, halbautonomer Teilstaat des Unionsstaates Tansania in Ostafrika. Aufenthaltsdauer: 10 Tage. Die Mission: Etwa 2000 Menschen von Zahnschmerzen befreien, sprich: zahlreiche Extraktionen vornehmen. Und: Den Menschen richtige Zahn- und Mundhygiene beibringen. Dafür haben sie im Gepäck tonnenweise Zahnbürsten und –pasten.

Information

Zu den Personen

Danijel Domic
Zahnarztstudent kurz vor Abschluss seines Studiums. Er hat sich auf den zahnchirurgischen Bereich spezialisiert.

Dr. Bruno Valic
Arbeitet in seiner Praxis "Zahnärzte am Stadtpark" als Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Hat sich vor seinem Engagement für #dentisttheworld schon für Obdachlose in Wien für "Neunerhaus" eingesetzt.

Die "Wiener Zeitung" hat die beiden Zahnärzte im Vorfeld zum Gespräch in der Ordination in der Salesianergasse getroffen und beide voller Elan und Tatendrang vorgefunden.

"Wiener Zeitung": Im dritten Wiener Gemeindebezirk kommen 53 Zahnärzte auf 88.000 Menschen. Wie sieht die Situation in Sansibar aus?

Danijel Domic: Auf der Insel leben etwa 1.300.000 Menschen. Zahnärzte gibt es nur vier. Auch so etwas wie zahntechnische Labors existieren nicht. Menschen in Afrika sehen kaum jemals einen Zahnarzt. Die Lage ist desolat.

Bruno Valic: Die Patienten freuen sich vor allem, dass jemand sie von ihren Qualen befreit. Unser Credo ist: Wenn du jemandem einen Zahn ziehst, erlöst du ihn eine Zeitlang von seinen Schmerzen. Wenn du ihm das Zähneputzen beibringst, dann erleichterst du ihn auf Lebzeiten. Ich habe festgestellt, dass diese Menschen weniger schmerzempfindlich sind als wir hier.

Ist es ein Hauptantrieb für Sie, zu helfen?

Valic: Absolut. Wir haben die Ressourcen und nützen sie optimal, sodass wir so viele Menschen wie möglich erreichen. In Sansibar werden wir in der SOS Kinderdorf Schule etwa 2000 SchülerInnen richtige Mundhygiene zeigen. Im Vorfeld gibt es sogar im Radio eine Ankündigung, dass eine große zahnärztliche Versorgung ins Land kommt. Wir arbeiten mit lokalen Hilfsorganisationen vor Ort zusammen, diese betreiben zwei Krankenhäuser.

Domic: Noch vor unserer Ankunft beginnt das Schlangestehen vor dem Camp. Täglich werden dann im Schichtdienst rund um die Uhr mehr als 100 Menschen behandelt. In Afrika ist es glücklicherweise etwas heller – da die Tage länger sind - als in Nepal, wo wir letztes Jahr waren. Dort haben wir immer unsere Stirnlampen im Einsatz. Strom gibt es keinen. Manchmal muss man den Patienten auch auf einen Klappstuhl setzten. Es ist oft so, dass das Equipment nicht hundertprozentig funktioniert. Ich denke hier an einen Speichelsauger, der Mangelware ist.

Das hört sich an wie Knochenarbeit bei der Improvisation essentiell ist.

Domic: Das ist es auf alle Fälle. Bei mir war das so, dass ich während des zweijährigen Praktikums an der Unizahnklinik zwischen 70 und 100 Zähne entfernt habe. Und in Nepal waren es genauso viele Zähne an einem Tag. Das heißt, man sammelt in kurzer Zeit unheimlich viel Erfahrung. Nach dem ersten Tag des "Pain Relief Projekts" hatte ich einen richtigen Muskelkater. Wir arbeiteten 10 Stunden ohne Pause durch.

Zahnverlust ist in unserer Gesellschaft schlichtweg ein Drama. In den Ländern, in denen Sie behandeln, eine Erleichterung.

Valic: Dort ist es ganz normal, dass vielen Leuten Zähne fehlen. Es impliziert nicht wie bei uns eine negative Ästhetik. Wir wollen auch die konservierenden Maßnahmen voranbringen. Das heißt, wir müssen den Menschen vor Ort zeigen, wie man den Zahn erhalten kann. Das heißt, eine Füllung versuchen und nicht gleich extrahieren. Noch fehlt es dafür an Materialien und an Equipment.

Domic: In Afrika gibt es zum Beispiel eine Schule, in der man ausschließlich lernt, wie man Zähne zieht. Wir haben in einem Workshop erklärt, dass es noch andere Möglichkeiten gibt.

Wie sieht es mit den Ernährungsgewohnheiten in den Entwicklungsländern aus?

Valic: Sie sind schlechter geworden. Vor allem was den Konsum von Softdrinks angeht, die höchstschädlich für Zähne sind. In Mozambique ist Coca Cola aber zwei Mal billiger als Wasser. Cola ist für diese Menschen gleichwertig mit einem Essen.

Wie lang gibt es #dentisttheworld schon? Und wie gelingt es Ihnen, Freiwillige zu motivieren?

Valic: Seit Oktober letzten Jahres, wir sind also noch recht jung, aber schon überaus erfolgreich. Wir haben bereits viele Partner um uns geschart wie zum Beispiel "Ivoclar" – das ist eine der weltgrößten Firmen im zahnmedizinischen Bereich. Von denen werden wir auch mit Material versorgt. Also: Die Resonanz ist groß.

Domic: In den letzten zwei Monaten waren wir auf sechs verschiedenen Uni-Zahnkliniken, in Österreich, Spanien, Slowenien, Kroatien, Polen und Serbien. Dort haben wir Vorträge gehalten und die Studenten, die im Endspurt des Studiums sind, motiviert, dass sie mitkommen. Es ist auch ein Student aus dem Irak dabei und eine Studentin aus dem Sudan. Die Helfer müssen sich aber vor Ort selbst versorgen bzw. die Aufenthaltskosten selbst bezahlen.

Durchschnittlich sind Sie nicht wie andere Hilfsorganisationen länger unterwegs, sondern nur kurz.

Valic: Es war schon eine Überlegung da, nicht ein Projekt anzugehen, wo man drei oder sechs Monate weg ist, sondern nur im Zeitraum von beispielsweise 10 Tagen. Nur so ist es möglich, dass sich der eine oder die andere kurzfristig vom Alltag abkömmlich macht, um mitzumachen.

Enthusiasmus versprühen auf Youtube mit dem Lied: "Brush it".

Valic: Ja. Wir versuchen das Thema Zahnpflege spielerisch zu vermitteln, vor allem Kindern. Wir lernen das Lied am ersten Tag und singen es gemeinsam. Am zweiten und dritten Tag laufen uns die Kleinen schon singend nach: "We we we will brush it, brush it (…)".

Domic: Problematisch ist aber, dass die Schulkinder ihre Zahnbürsten vor Begeisterung mit nach Hause nehmen und sich dann die ganze Familie damit die Zähne putzt. Wir müssen also dafür sorgen, dass diese in der Schule bleiben und dort vor Klassenbeginn geputzt wird. In diesem Fall reicht ein Mal am Tag.

Was nehmen Sie mit von Ihren Einsätzen?

Domic: Jedes Projekt ist ein Kompromiss zwischen Abenteuer und Arbeit. In unserer Freizeit haben wir nebenbei schon sehr viel gemacht. Wir waren mit Einheimischen auf dem Kilimandscharo und haben mit ihnen an Stränden Fußball gespielt und waren zu Grillabenden eingeladen.

Valic: Viel. Der Mensch wächst einfach daran, wenn er anderen hilft und Nächstenliebe praktiziert. Wenn ich nach Wien zurückkomme, begreife ich erst, wie gut es uns hier geht. Wir könnten auch mit weniger auskommen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 13:34:49
Letzte nderung am 2017-03-22 09:26:05



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