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Update: 18.05.2017, 11:02 Uhr

Extremsport

Der menschliche Polarbär




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Von Sabine Ertl

  • Lewis Pugh riskiert sein Leben für seine Mission: Er schwimmt im Eiswasser gegen den Klimawandel an.

Sprung ins kalte Wasser: Der Wind bläst mit 40 Knoten, die Lufttemperatur beträgt minus 37 Grad Celsius, das Wasser hat minus 1,7 Grad - trotzdem verzichtet Lewis Pugh auf einen Spezialanzug und trägt lediglich eine Speedo-Badehose und eine Schwimmkappe. - © Kelvin Trautman

Sprung ins kalte Wasser: Der Wind bläst mit 40 Knoten, die Lufttemperatur beträgt minus 37 Grad Celsius, das Wasser hat minus 1,7 Grad - trotzdem verzichtet Lewis Pugh auf einen Spezialanzug und trägt lediglich eine Speedo-Badehose und eine Schwimmkappe. © Kelvin Trautman

Polarkreis. Bellinghausen-See in der Westantarktis. 63 Grad Süd, 59 Grad West, Dezember 2016. Die Lufttemperatur liegt bei null Grad, das Wasser ist auf dem Gefrierpunkt. Ein Mann steht an Bord eines Schiffes und schaut gebannt in das eisige Meer. Es ist pechschwarz. Ein Hauch von Demut liegt in seinen Augen, aber sein Blick ist ernst. Er weiß, dass normale Menschen nur wenige Minuten in diesem Eiswasser überleben.

Schon in den ersten Sekunden würde sich die Lunge zusammenziehen, man würde anfangen, zu hyperventilieren. Dabei schießen Herzschlag und Blutdruck mit einem Schlag in die Höhe. Man würde nach Luft schnappen und ertrinken. Pugh hat aber seinem Köper diese natürlichen Reaktionen abtrainiert. Der 47-Jährige ist in der Lage, seine Körpertemperatur um fast zwei Grad Celsius zu heben, sie steigt also auf fieberhafte 38,4 Grad, bevor er in das Wasser geht. Dieses Phänomen der "antizipierenden Thermogenese" wurde zuvor bei keinem Menschen registriert. An seinem Körper, dem noch eine Daunenjacke übergestreift ist, wird ein Brustsensor angebracht. Dieser soll seine Körpertemperatur und seinen Puls überwachen.



Information

Zur Person

Lewis Pugh
Jahrgang 1969, in Plymouth, England geboren und in Südafrika aufgewachsen. Er ist Extremschwimmer, Umweltschützer und Anwalt für Seerecht. Pugh ist der erste Mensch, der auf allen fünf Ozeanen der Welt Langstreckendistanzen schwamm.

www.lewispugh.com

Jede Sekunde entscheidet

Lewis Pugh wartet auf den richtigen Moment, bis er innerlich genug aufgeheizt ist. Er atmet tief ein und aus, ist komplett fokussiert und läuft barfuß auf dem eisigen Steinfelsen los: nackt bis auf eine Speedo-Badehose, Schwimmbrillen und -kappe. Der Schwimmer taucht in das Eiswasser ein. Für die nächsten 1000 Meter bewegt er sich mechanisch, packt mit seinen Händen das Wasser, um es zur Seite zu schieben. An ihm ziehen ehrwürdige Eisberge vorbei. In diesem Teil der Antarktis existieren nur die Farben Weiß, Schwarz, Grau und Blau. Es ist totenstill, leise surrt der Motor des schwarzen Dinghis, das dicht neben ihm fährt und ihn nicht aus den Augen lässt. Zwei Mitglieder aus seinem Kernteam feuern ihn an: "Komm schon Lewis! Schwimm weiter! Weiter!"

Nach 17 Minuten und 30 Sekunden krault Pugh zum Ufer, kraxelt aus dem Wasser, zwängt mit Mühe seine Füße in Badeschuhe, wirft sich eine Wolldecke über und legt sich wenig später auf den Boden des Beiboots. Die Erschöpfung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ein weiterer Weltrekord in seiner 28-jährigen Karriere als Extremschwimmer ist geschafft, aber auch als Umweltschützer und "Patron of the Oceans": Lewis Pugh ist in dieser Rolle für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) tätig.

Dank seiner Erfahrung als Anwalt für Seerecht - Pugh hat im Jahr 2003 seine Kanzlei in London aufgegeben, um seinem Weg zu folgen - war er maßgeblich an der Unterzeichnung des Rossmeer-Abkommens im Oktober 2016 beteiligt. 17 Jahre lang dauerte es, bis es die für das Gebiet zuständigen Länder sowie die EU unterzeichneten. Russland weigerte sich bis zuletzt, das kommerzielle Fischen auf einer Fläche von 1,55 Millionen Quadratkilometern zu verbieten. Seit Jänner 2017 ist es in Kraft und gilt für die nächsten 35 Jahre.

"Antarctica 2020"

Für Pugh ist aber entscheidend, dass weitere Meeresschutzgebiete entstehen. Der Plan: Bis zum Jahr 2020 - zum 200. Jubiläum der Entdeckung der Antarktis - soll es drei weitere "Marine Protected Areas" (MPAs) mit insgesamt sieben Millionen Quadratkilometern geben. Für diese Kampagne, die unter dem Namen "Antarctica 2020" läuft, wird er noch einige Male ins Wasser gehen. Nicht aus Sensationslust, sondern, um in seiner knappen Badehose jenen Mut zu zeigen, den er auch von den Verantwortlichen einfordert: endlich Maßnahmen zu setzen. "Die Antarktis ist wie ein wilder Garten Eden, der ernsthaft durch fabriksartige Ausrottung und Klimawandel gefährdet ist. Hier gibt es noch Krill, aber wie lange noch?", sagt Pugh. Krill sind garnelenförmige Krebstierchen, die den Anfang der Nahrungskette für die zahlreichen Meeres- und Landtiere bilden: von Buckelwalen bis hin zu Robben, Seeleoparden, Pinguinen und Albatrossen. Ein ähnliches Bedrohungsszenario gibt es am nördlichen Polarkreis, in der Arktis. Sie ist die Heimat tausender Tierarten.

Dicht am geographischen Nordpol, 90 Grad Nord, Juli 2007. Ein Eisbrecher bahnt sich den Weg durch die Barentssee zum Nordpol. Eisbären laufen drollig auf dem mittlerweile dünner werdenden Eis. Pugh beobachtet sie vom Schiff: "In 30 bis 40 Jahren könnten sie ausgerottet sein. Ein fürchterlicher Gedanke." Wieder stürzt er in tiefschwarzes Wasser, wieder nur in Badehose und wieder mit einem hundertprozentigen Engagement: "Sobald du an einen möglichen Sieg oder eine Niederlage denkst, ist es vorbei und du bist schon nach Sekunden wieder draußen." Die Wassertemperatur misst minus 1,7 Grad Celsius. Im Vergleich dazu gibt es im Hallenbad 27 Grad, im Ärmelkanal 18 Grad, die Passagiere der "Titanic" fielen in ein Wasser von fünf Grad und Süßwasser gefriert bei null Grad. "Ich habe mich jahrelang darauf vorbereitet, bin in Eiswasser hin- und hergeschwommen und habe das Salz in meinem Mund gespürt. Habe mir das ganze mental vorgestellt, von Anfang bis Ende."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-06 13:48:05
Letzte nderung am 2017-05-18 11:02:59



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