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Update: 08.05.2017, 19:45 Uhr

Arabischer Frühling

Lachen ist gefährlich




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Von Sabine Ertl

  • Bassem Youssef kämpft gegen politische Unterdrückung nicht mit Fäusten, sondern mit bissigem Witz.

Bassem Youssef in seiner Heimat Ägypten. Mittlerweile lebt er im Exil. - © Tickling Giants.com

Bassem Youssef in seiner Heimat Ägypten. Mittlerweile lebt er im Exil. © Tickling Giants.com

Veränderung, Freiheit, Gleichheit. Ägypten, 25. Jänner 2011: Demonstranten wenden sich gegen das Regime. Tausende Menschen sterben. Der mittlerweile in Vergessenheit geratene Arabische Frühling nimmt seinen Lauf. Aufgeweckt durch die Anti-Mubarak-Revolution betritt ein Arzt die Bühne, wechselt sogleich den Beruf und wird zum Comedystar. Musste er als Herzchirurg in das Innerste von Menschen schauen, um diese zu behandeln, stellt er nun unerschrocken die Seele einer im Aufbruch befindlichen Gesellschaft bloß: "Herr Präsident, das Land ist am Arsch. Glauben Sie mir". So etwa seine Botschaft an das Regime unter Hosni Mubarak.

Damit beginnt auch die Dokumentation "Tickling Giants", die zusammen mit der Produzentin Sara Taksler entstanden ist. Für Konsumenten im arabischen Raum gilt jedoch: "Gegen unterdrückerische Regierungen aufzubegehren, verursacht Nebenwirkungen. Unter anderem Kopfschmerzen, Gefühlsschwankungen, Magenverstimmungen und den Verlust von verfassungsmäßigem Recht." Sie parodiert schmerzlich wie sich Medien unter wechselnden Regimen am Leben halten. In 111 Minuten beschreibt der Film die Ereignisse rund um Bassem Youssef, seinen Aufstieg und Fall. Immer wieder kreist er um die Frage, warum sich brutale Regime durch einfache Comedy so seltsam berührt fühlen.

Vermeintlicher CIA-Agent

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Zur Person

Bassem Youssef, Jahrgang 1974, auch bekannt als Ägyptens Jon Stewart, lebt im Moment im Exil in den USA. Sein Aufstieg und Fall wird in "Tickling Giants" gezeigt. Der Film wird heute abend im Rahmen des "Ciné-ONU" im Top-Kino vorgeführt. Der Eintritt ist frei.

Hauptdarsteller sind unter anderem Bassem Youssef und Jon Stewart. Letzterer wurde berühmt mit seiner "The Daily Show", täglich verfolgen 2 Millionen Zuseher seine Sendung. Sein Äquivalent im arabischen Sprachraum heißt eben Bassem Youssef, nur hat er ganze 30 Millionen Fans. Zunächst wurde das Programm "El Barnameg" in ganz kleinem Format zu Hause produziert und auf YouTube hochgeladen. Ein halbes Jahr später geht der private Sender CBC mit der Politsatire offiziell auf Sendung. Als Vorlage dient Jon Stewarts "The Daily Show". Kometenhaft steigt Youssef in den nächsten zwei Jahren auf. Sogar Stewart fliegt zu ihm ins Studio nach Ägypten.

Der Ägypter scheint am Zenit seines Erfolgs angekommen zu sein. Denn er hatte drei Jahre Zeit und nützte die Gelegenheit, sich gleich über drei Regimes lustig zu machen: Mubarak, Mursi und Sisi samt Militär, Politiker, Prediger, die Muslimbruderschaft. Bis es unter Mohammed Mohammed Mursi Isa al-Ayyat, der auch der Muslimbrüderschaft angehörte, den Herrschenden zu viel wird. Gegen Youssef wird ein Haftbefehl ausgestellt - der Vorwurf lautet: Islam-Verleumdung, Präsidentenbeleidigung, Störung der öffentlichen Ordnung. Ein weiterer: Jon Stewart habe ihn für den US-Auslandsgeheimdienst (CIA) angeworben. Er wird verhaftet, verhört und gegen Zahlung einer Kaution freigelassen. Das Aus für seine Sendung folgt, die er mit folgenden Worten beendet: "Wir leben in den wundervollsten Jahren der Demokratie in Ägypten – und wer das nicht so sieht, dem soll die Zunge herausgeschnitten werden."

Geliebt und gehasst

Youssef geht in die USA, verspricht dem Volk, das er irgendwann wiederkommt. Als arabischer Jon Stewart nennt er im Exil weiterhin die Dinge beim Namen, die man sonst nicht im Fernsehen hört. Ein Grund, warum Menschen ihn ambivalent sehen, vor allem jene in der Heimat. Die einen meinen: "Ich glaube, dass er sehr mutig ist" und "Er ist die Stimme des Volkes" oder sind noch immer erstaunt darüber, dass man einen Komödianten einfach so verhaften kann. Die anderen: "Habe ich das Recht Youssef zu töten? Wenn nicht jetzt, dann später" und "Bassem, du Memme! Du amerikanisches Schaf!". Was sagt Youssef dazu? "Entweder lieben mich die Menschen oder hassen mich zu Tode."

Sein Sarkasmus ist bitter, aber echt. Groß an die Wand hat sich Youssef in seinem ehemaligen Studio folgenden Satz gemalt: "Weil es illegal ist, Scheiße aus den Menschen rauszuprügeln." Denn eines bleibt für ihn klar: "Wir werden es nicht dulden, dass uns irgendjemand einschüchtert und terrorisiert. Wir wollen Frieden! Frieden! Da braucht niemand zu lachen. Wir haben keine andere Wahl. Und niemand wird Kreativität verhindern, außer wenn die Menschen von sich selbst aus aufhören, sich auszudrücken".

Selbst ist der Witz

Es ist ein Film über Satire und Meinungsfreiheit. Niemand kann das besser formulieren als Youssef selbst: "Will man jetzt Menschen bestrafen, nur weil sie sich einen Witz erzählen? Wenn man den Witz verbietet, ist das selbst ein Witz." Dafür setzt er fast pantomimenhaft seinen ganzen Körper ein und verwendet eine Sprache, die messerscharf unter die Haut geht: Sagt er den Diktatoren lammfromm mit stierem Blick aus blitzblauen Augen, dass sie verschwinden sollen: "Ich ermutige Sie nun, bitte den Raum zu verlassen." Sara Takslers Doku  ist ebenso läuternd wie hoffnungsvoll, denn es besteht zumindest eine Chance, dass jenen Menschen, die alles verloren haben, tunlichst ihr Humor bleibt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-08 09:14:46
Letzte nderung am 2017-05-08 19:45:29



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