
Wien. Aufdeckungs-Journalist Günter Wallraff, der kürzlich mit seinen Enthüllungen die Zusteller-Branche erschütterte, sieht Europa in einer Abwärtsspirale. Aus Angst davor, dass die Produktion in Schwellenländer ausgelagert werde, habe Europa seine sozialen Standards ausgehöhlt. In vielen europäischen Staaten, darunter auch Österreich, gebe es Sozial-Dumping. "Wir sind zu einem Billiglohnland geworden", sagte Wallraff bei einem Besuch in Wien. Das Netzwerk Soziale Verantwortung hatte Wallraff zum Thema Corporate Social Responsibility eingeladen.
Als Beispiel nannte Wallraff seine aktuelle Reportage beim Paketzusteller GLS. Seit dem Aufdecken der Zustände in der Paketdienstleiterbranche habe er hunderte Hilferufe erhalten. Die Branche stehe unter Rechtfertigungsdruck. Die Paketfahrer kommen laut Wallraff auf einen Stundenlohn von nur zwei, drei Euro. Wallraff will "da dranbleiben". Er ist überzeugt, dass sich was ändere. Momentan bereitet er einen Musterprozess eines Subunternehmers gegen GLS wegen Scheinselbständigkeit vor. Die Schwierigkeit dabei sei allerdings, dass sich kaum jemand traut, gegen den Konzern vorzugehen, erzählte Wallraff.
Die Entscheidung, die Reportage im deutschen Privatfernsehen RTL auszustrahlen, sei im Nachhinein die richtige gewesen, sagte er. So habe er mehr Jugendliche erreicht. Generell bemerkt Wallraff, dass jüngere Leute wieder solidarischer werden. Die deutschen Gewerkschaften würden nach einem Mitgliederschwund jetzt wieder steigende Mitgliederzahlen verzeichnen.
Sozialsystem bricht ein
Das sei auch wichtig, denn Wallraff ortet einen Trend, dass Konzerne immer öfters gegen "unliebsame Betriebsräte" vorgehen. Mit "Psycho-Terror" und kriminellen Methoden würden kritische Belegschaftsvertreter gemobbt.
Prekäre Arbeitsverhältnisse sieht Wallraff auch bei Callcentern oder bei Großschlächtern. Generell seien immer mehr Branchen betroffen. In Deutschland liege die Lebenserwartung von Menschen, die unter 1000 Euro verdienen, zehn Jahre unterhalb jener von Besserverdienern. Wallraff: "Reiche werden reicher, Arme zahlreicher." Für die nächsten zehn Jahre ist er pessimistisch, das Sozialsystem breche ein. "Ich sehe einen Kollaps."
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