St. Pölten. In der Nachkriegszeit befüllten die Weinbauern Schrotflinten-Patronen mit Schweineborsten und schossen diese jedem flüchtenden Traubendieb hinterher, den sie in ihrem Weingarten erwischten. Der Dieb war dann schnell ortsbekannt - konnte er doch die nächsten Tage zum Beispiel im Wirtshaus nicht lang sitzen, weil ihm die Borsten Schmerzen bereiteten. Heute gibt es zwar keine Diebe mehr, die aus Hunger rauben - gestohlen wird allerdings weiterhin. In diesem Jahr sogar exorbitant viel, wie Franz Ilkerl, Winzer und Obmann des Weinbauvereins Krems-Rehberg in der Wachau, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" beklagt.
"Die Diebe tragen kübelweise die Trauben davon. Durchschnittlich fünf, sechs Kübel voll, in den vorigen Jahren waren es fünf, sechs einzelne Trauben", sagt Ilkerl. Die Diebesbeute sei bereits ertragsschädigend. Denn der Verlust von rund 30 Kilogramm täglich in einem günstig - also nahe der Straße - gelegenen Weingarten summiere sich innerhalb der Lesedauer von drei Wochen auf 630 Kilogramm. Was bei einer Ernte von 9000 Kilogramm pro Weingarten von einem Hektar Größe sieben Prozent ausmacht.
"Lohn für ein Jahr Arbeit"
"Der Ertrag aus der Lese ist aber unser Lohn für ein ganzes Jahr Arbeit", so Ilkerl. "Mit den Preisen kann ein Winzer in der Wachau auch nicht viel höher hinaufgehen, weil wir ohnehin schon ein ,gutes‘ Preisniveau haben", fügt Weinbauer Heinrich Weixelbaum aus Weißenkirchen hinzu.
Warum die Diebe derart große Mengen klauen, erklärt Ilkerl so: "Sie machen Wein oder Marmelade aus den Trauben. Wo es die am leichtesten erreichbaren Weingärten gibt, dürfte sich schnell herumgesprochen haben. Der dreisteste Dieb hatte 180 Kilogramm Trauben in seinen Kombi geladen, um daraus einen Sturm zu machen." So weit kam es allerdings nicht. Hat doch Ilkerl bereits Aufpasser - sogenannte "Hiata" - engagiert, die in der Früh und am Abend, wenn die meisten Diebe kommen, die Trauben bewachen.
Wer erwischt wird, bekommt einen Erlagschein über 50 Euro: eine freiwillige Spende, die er an das Rote Kreuz zahlen soll. Darin sieht Ilkerl derzeit die einzige Lösung, die Diebe zur Kasse zu bitten. Ist doch Traubendiebstahl für die Polizei nach wie vor ein Kavaliersdelikt, wie es heißt. Zu den Schweineborsten wird vermutlich dennoch keiner mehr greifen.
Weinernte 2012
Mengenmäßig gering, dafür qualitativ hochwertig und hochpreisig: So wird die Weinernte 2012 ausfallen, wenn die vor kurzem begonnene Lese in etwa zwei Wochen beendet sein wird. Wintertemperaturen von minus 20 Grad Celsius, Spätfrost im Mai sowie Hagel haben einen Schaden von 22 Millionen Euro verursacht, aus der die Preiserhöhung resultiert. Dafür bekommt der Kunde aufgrund der vielen trockenen Sonnentage im Jahr einen fruchtigen Wein mit etwas höherem Alkoholgehalt.
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