• vom 13.09.2013, 15:35 Uhr

Aktuell

Update: 13.09.2013, 16:07 Uhr

Clärchens Ballhaus

Tanztee bei Tante Clärchen




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Michael Pöppl

  • Das traditionsträchtige Berliner Tanzcafé "Clärchens Ballhaus" feiert sein 100-jähriges Jubiläum
  • Seit 1913 fordert ein Etablissement, das Geschichte schreibt, zum Tanz auf.

Die guten Seelen des Hauses: Garderobier Günter Schmidtke (r.) und Eintrittskartenverkäufer Lothar Eichler im Jahr 2011. - © Bernd Riehm

Die guten Seelen des Hauses: Garderobier Günter Schmidtke (r.) und Eintrittskartenverkäufer Lothar Eichler im Jahr 2011. © Bernd Riehm

Berlin. "Tanztee". Das klingt nach lauem Earl Grey, nach beigefarbenen Jacketts und Faltenröcken, nach Roland Kaiser und dem ewigen Schneewalzer. Sonntagnachmittage in Clärchens Ballhaus sind ganz anders. Das erste Hindernis, fotografierende Touristen aus Spanien, die den leeren Garderobenvorraum blockieren, überwindet man locker mit einem international passenden "Pardon". Freundlich geben die jungen Menschen die Glastür frei, hinter der sich Pärchen unter der großen Diskokugel zu lateinamerikanischen Klängen drehen.


Outfit und Tanzfertigkeit der Gäste unterscheidet sich: Zwei Freundinnen in Jeans und Kapuzenpulli wippen zaghafte Schritte und zählen dabei mit. Ein schickes schwarz gekleidetes Paar, Mitte 40, sie mit üppig wogender Dauerwelle, er mit Vokuhila-Frisur und Schnauzbart, wirbelt professionell übers Parkett - Fred Astaire und Ginger Rogers auf Berlinerisch. Die Tische längs der Tanzfläche sind besetzt, einige Stammtänzer kamen schon zu DDR-Zeiten in Clärchens Ballhaus.

Andere haben erst nach der Wende den Weg in die Auguststraße gefunden. So wie Marion Kiesow aus Friedenau, die sich 2006 das erste Mal hierher traute: "Ich suchte einen Ort, wo ich tanzen konnte und dazu nicht 20 Jahre alt sein musste." Die Grafikerin, die sofort vom Ambiente, den Gästen und der Historie des Hauses fasziniert war, ist inzwischen mehr als eine normale Besucherin, sie ist inzwischen eine echte Insiderin. Gerade erschien ihr Bildband "Berlin tanzt in Clärchens Ballhaus", passend zum 100-jährigen Jubiläum im September. Über Jahre hat sie Geschichte und Geschichten gesammelt, Postkarten, Plakate, Werbeanzeigen und alte Fotografien gesucht und ausgewertet. Entstanden ist ein lesenswertes Kaleidoskop "einer angenehm altmodischen Berliner Institution, die wie eine Zeitmaschine wirkt", so Kiesow.

Durchsetzungsfähige Tante
Sie beschreibt nicht nur die Historie des Ballhauses seit 1913, sondern auch den Aufstieg der "Clara Mixdorf, verwitwete Bühler, verheiratete Habermann" von der Bauerntochter zur Großgastronomin. Nach dem Tod ihres ersten Mannes 1928 leitete sie bis 1967 das Etablissement, das später ihren Namen bekam. Tante Clärchen, wie die Stammgäste sie später nannten, war sehr durchsetzungsfähig, preußisch gar, und eine der ersten Berlinerinnen, die den Führerschein machte. Bis zu ihrem Tod 1971 saß sie an ihrem Stammtisch und behielt im Blick, ob ihre Nachfolgerin, Stieftochter Elfriede Wolf und die Kellner auch alles richtig machten.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-09-13 15:59:06
Letzte Änderung am 2013-09-13 16:07:56



Werbung




Werbung


Werbung