• vom 01.11.2013, 09:30 Uhr

Aktuell


Österreichische Friedhöfe

Tote mit Rang und Namen




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Andreas Schindl

  • Grabinschriften eignen sich hervorragend, um Titel ein letztes Mal kundzutun. Wer über österreichische Friedhöfe wandert, findet existierende, existiert habende und
  • sogar erfundene Berufs- und Ehrentitel in Hülle und Fülle.

Auch ein "bgl. Lust u. Ziergärtner" lebt nicht ewig.

Auch ein "bgl. Lust u. Ziergärtner" lebt nicht ewig.© Robert Bressani Auch ein "bgl. Lust u. Ziergärtner" lebt nicht ewig.© Robert Bressani

Das letzte Hemd hat zwar bekanntlich keine Taschen, indes scheint man in Österreich der Meinung zu sein, dass Titel auch im Jenseits eine Rolle spielen könnten. Der Kanzleidirektor in Ruhe ruht am Martinsfriedhof von Klosterneuburg in nächster Nähe eines K. u. k. Oberst-Auditors, und zwar nahe dem Eingang und somit praktisch in bester Lage, woraus man ersieht, dass es auch bei letzten Ruhestätten solche und solche gibt. Eine ähnlich bevorzugte Lage genießt ein Korrespondierendes Mitglied des Wiener Naturhistorischen Museums. Auch die k. u k. Militärrechnungsrats-Gattin, sowie die Medizinalratswitwe können sich über wenig prominente Lagen nicht beschweren. Der Bürgerliche Schmiedmeister und Hausbesitzer, samt Schmiedmeisterswitwe, und der Ortskommandant findet sich hingegen schon deutlich hin zur Friedhofsperipherie gedrängt.

Auch weiter außerhalb Wiens gab es in der Gründerzeit offenbar zahlreiche Hausbesitzer, die als Symbol des im Biedermeier ansteigenden Wohlstandes auch zu Archetypen der österreichischen Literatur avancierten (wie z.B. ein "vierstöckiger Eckhäusler" 1880 bei Friedrich Schlögl). In Hollabrunn beispielsweise hat sich ein Fleischhauer ein eigenes Zinshaus erwirtschaftet und ein Sattlermeister, Wagenbauer und Tapezierer hat es zum Hausbesitzer gebracht. Noch erfolgreicher dürfte einer seiner "Nachbarn" gewesen sein, dessen Grabstein als Berufsbezeichnung Realitätenbesitzer angibt.

Werbung

Selbstbewusstsein
Manche Weinviertler wiederum waren offenbar reich genug, um gar nicht arbeiten zu müssen und ließen dies durch ihre Hinterbliebenen mittels des Zusatzes Privatier zu ihrem Namen dokumentieren. Lehrkräfte, respektive deren Angehörige, dürften vermehrt den Drang zur posthumen Titelsucht verspüren. Neben diversen Fachlehrern und Schulräten sowie einigen Direktoren und Inspektoren findet man auch einen Fahrschuldirektor.

Dass man in Österreich auch Ehrenbürger der Universität Wien werden kann, kann wohl nur dann gelingen, wenn man zuvor ein Qu. Dir. i. R. und Regierungsrat war. Auch niedere Beamte und ihre Witwen zeigen durchaus Selbstbewusstsein, wie der Post und Telegrafen-Oberkontrollor und die Justizwachekommissärswitwe beweisen. Erfreulich finde ich, dass der Landesobergärtner in Ruhe unweit des Vrinzischen Gutsverwalters in Pension seine letzte Ruhe findet. Weiters bevölkern den Hollabrunner Friedhof ein Kaminfegermeister, ein Müllermeister und ein Steueroberinspektor. Auffallend ist auch eine gewisse Häufung von Sparkassenfunktionären. Der eben erwähnte Müllermeister war auch Kurator der Sparkasse, darüber hinaus gibt es einen Sparkassenbuchhalter in Pension und einen Seifensieder u. Sparcassa Beamten.

Gefallene der beiden Weltkriege sind naturgemäß keine Seltenheit auf österreichischen Friedhöfen, ein am 4. September 1914 in Galizien umgekommener Hollabrunner dürfte aber wohl zu den ersten Opfern des Großen Krieges gehört haben und erinnert auf tragische Weise an das Schicksal des jungen Leutnant Carl Joseph von Trotta aus dem "Radetzkymarsch". Besondere Erwähnung verdient meines Erachtens jedoch ein Hollabrunner Hauptmann der Ruhe.

Auf dem St. Marxer Friedhof können der Herrschaftliche Wirthschaftsrath und das Mitglied der niederösterreichischen Landwirthschafts-Gesellschaft als ziemlich alltägliche Bestattete gelten, die Geprüfte Lehrerin erinnert entweder daran, dass auch Lehrer einmal Schüler waren oder dass das Leben als Lehrer mit (ungeprüften?) Schülern oft eine Prüfung ist. Die Fürstlich Esterhazysche Oberbuchhalterswitwe hat ihren Titel wie so viele Damen ihrer Zeit am Standesamt, respektive vor dem Traualtar, womöglich dem der Augustinerkirche, erworben. Weitaus geerdeter ist da schon die Fischhändlerswittwe aus dem Burgenland und als nachgerade subterrestrisch ist der Bürgerliche (!) Kanalräumer anzusehen.

Der Friedhof in Klosterneuburg-Weidling kann sich nicht nur einiger prominenter Toter wie des Dichters Nikolaus Lenau, der vis-a-vis wohnte, und des Orientalisten und Gründers der Akademie der Wissenschaften Josef Freiherr von Hammer-Purgstall, sondern auch der Tatsache rühmen, dass Ferdinand Raimund 1827 "in diesem Friedhof sein Märchendrama Moisasurs Zauberfluch" schrieb und zwei Jahre später in Weidling die Arbeit zu seiner dramatischen Dichtung "Die unheilbringende Krone" begann, wie einer Gedenktafel am Eingang zu entnehmen ist.

Selbstverständlich hat auch die Weidlinger Bevölkerung viele Gefallene zu beklagen. Einer von ihnen war Fahnenjunker und starb am 5.10.1939 den "Fliegertod". Ein anderer war schlicht Soldat, während ein dritter, der 21-jährig sein Leben ließ, Panzergrenadier, Inh. des EK II, Hochschüler, SS-Mann und Offiz. Anw. war. Versöhnlich im Sinne einer historisch ausgleichenden Gerechtigkeit finde ich den Umstand, dass das Grab des einfachen Soldaten eine deutlich prominentere Lage hat als jenes des SS-Mannes, das sich im hintersten Winkel des Friedhofes findet, auch wenn der Verstorbene ein Enkel des Gründungsdirektors des Raimundtheaters war.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-10-31 16:38:15
Letzte ─nderung am 2013-10-31 22:49:30



Werbung




Werbung


Werbung