• vom 25.05.2007, 13:34 Uhr

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Update: 25.05.2007, 13:55 Uhr

Nahost

"Gut, wir sind zum Krieg bereit"








Von Rolf Steininger

  • Der Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten veränderte vor vierzig Jahren die geopolitische Situation im Nahen Osten.

Die Sieger am Ziel: Israelische Fallschirmspringer stehen erstmals vor der Klagemauer in Jerusalem. Fotos: Archiv Steininger

Die Sieger am Ziel: Israelische Fallschirmspringer stehen erstmals vor der Klagemauer in Jerusalem. Fotos: Archiv Steininger Die Sieger am Ziel: Israelische Fallschirmspringer stehen erstmals vor der Klagemauer in Jerusalem. Fotos: Archiv Steininger

Am 5. Juni 1967,einem Montag, starteten 183 israelische Kampfflugzeuge zu einem Präventivschlag gegen Ägypten. Der Zeitpunkt für den Angriff war in der Erwartung gewählt worden, dass sich die ägyptischen Piloten und Kommandeure in ihren Autos befinden würden - am Rückweg vom morgendlichen Frühstück.

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Die Rechnung ging auf, die Überraschung gelang: Innerhalb von 70 Minuten wurden 197 ägyptische Flugzeuge und 16 Radarstationen vernichtet. Die zweite Angriffswelle begann um 9.34 Uhr. Weitere 107 ägyptische Flugzeuge und 14 Luftstützpunkte wurden zerstört. Damit hatte Ägypten drei Viertel seiner Luftstreitkräfte verloren. Der dritte Nahostkrieg - nach 1948/49 und 1956 - war nicht einmal drei Stunden alt, als der Sieger bereits feststand: Israel.

Begonnen hatte alles schon Monate vorher, als Fortsetzung der beiden vorangegangenen Kriege. Das Ziel der arabischen Nachbarn Israels war gleich geblieben: die Vernichtung des jüdischen Staates. Seit dem Suezkrieg hatte es - so wie schon vor 1956 - immer wieder Zwischenfälle an den Grenzen gegeben. Zur bis dahin schwersten Auseinandersetzung kam es dann am 7. April 1967, als israelische Mirage-Flugzeuge sechs syrische MIGs abschossen.



Ägyptens Vorstoß
Am 13. Mai warnte der Kreml die Regierungen in Kairo und Damaskus vor einem israelischen Angriff auf Syrien. Das Prestige von Ägyptens Präsident Nasser in der arabischen Welt stand auf dem Spiel. Am 16. Mai forderte er UN-Generalsekretär U Thant auf, die seit 1957 auf der Sinai-Halbinsel und im Gaza-Streifen stationierten UN-Truppen abzuziehen. Als U Thant sofort bereitwillig auf diese Forderung einging und den Befehl zum Abzug gab, ging Nasser noch einen Schritt weiter und verkündete am 22. Mai die Blockade der Meerenge von Tiran für alle Schiffe mit dem Ziel Eilat. Öffentlich machte er klar, worum es gehen würde: "Die Juden haben mit Krieg gedroht; ich antworte: herzlich willkommen. Gut, wir sind zum Krieg bereit. Das Hauptziel, das wir in dem bevorstehenden umfassenden Krieg verfolgen, ist die Zerstörung Israels."

Für Israel war das der Casus Belli. Wie immer war auch diesmal die Haltung der USA entscheidend. Präsident Lyndon B. Johnson ließ mitteilen, Israel werde "nicht allein sein, es sei denn, es handelt allein" . Daraufhin kam es am 29. Mai im israelischen Kabinett zu einem Patt: Neun Minister waren für, neun gegen einen Präventivschlag. Also kein Krieg.

Das erregte damals den Zorn der israelischen Generäle, der Ruf nach dem "starken Mann" ertönte immer lauter. Schließlich wurde am 1. Juni eine "Regierung der nationalen Einheit" gebildet, in der Moshe Dajan, der Held des Suezkrieges 1956, Verteidigungsminister wurde.

Am 4. Juni beschloss die Regierung einstimmig, nicht länger zu warten. Ausschlaggebend dafür war die Meldung des Chefs des israelischen Geheimdienstes Mossad, Meir Amit, der sich inkognito in Washington aufgehalten hatte und mit dem Eindruck zurückkehrte, dass dort niemand Nein zum Krieg gesagt hatte.

Am Morgen des 5. Juni wurde der Erstschlag geführt, dann stieß die israelische Armee in Richtung Suezkanal vor. Wir wissen erst seit kurzem, welche dramatische Szenen sich damals im Kreml abspielten. Am 6. Juni erklärte der ägyptische Verteidigungsminister Amr im Auftrag Nassers dem sowjetischen Botschafter, die Lage sei so ernst, dass es "notwendig ist, die Feuereinstellung bis 5.00 Uhr früh zu erreichen". Der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew erklärte später in einer Geheimrede vor dem Zentralkomitee der KPdSU, dass damit der "kritischste Augenblick für die VAR [Vereinigte Arabische Republik = Ägypten] im Verlauf der Kampfhandlungen" erreicht war.

Breschnews Bericht machte die verheerende Lage deutlich: "Als wir diese alarmierende, die Dramatik der Situation an der ägyptisch-israelischen Front widerspiegelnde Meldung aus Kairo erhielten, hielten wir, die Mitglieder des Politbüros, um ein Uhr nachts eine Sitzung ab. Wir überlegten mögliche Varianten, wie den eine Niederlage erleidenden Streitkräften der VAR geholfen werden könnte. Es konnte gar keine Rede davon sein, in den verbleibenden wenigen Stunden irgendwie nennenswerte Mengen technischer Kampfmittel, Panzer, Flugzeuge, dorthin zu befördern, um die im Grunde zusammenbrechende ägyptische Front zu stärken, den Vormarsch der israelischen Truppen auf den Suezkanal aufzuhalten und so die Hauptstadt und andere Städte der VAR aus der Luft zu decken. Dabei musste in Rechnung gestellt werden, dass der ägyptischen Militärführung die Leitung der Truppen faktisch aus den Händen geglitten war. Diese befanden sich in einem Zustand des Chaos und der Fassungslosigkeit, viele Flugplätze, auf denen unsere Flugzeuge hätten landen können, waren zerstört. In dieser Situation war es das einzig Richtige, alle politischen und diplomatischen Mittel einzusetzen, um zu versuchen, die VAR dem Schlag zu entziehen."



Kampf um Jerusalem
Ähnlich katastrophal war auch die Lage der jordanischen Armee, obwohl die Kämpfe in Jordanien und besonders um Jerusalem die verlustreichsten der israelischen Armee waren. Am 6. Juni teilte König Hussein dem sowjetischen Botschafter mit: "Das ist der schwerste Tag in meinem Leben. Nur die unverzügliche Feuereinstellung kann Jordanien retten." In der Nacht zum 7. Juni wiederholte Nasser die dringende Bitte, den Vormarsch der israelischen Truppen aufzuhalten und bis 5.00 Uhr morgens eine Feuereinstellung zu erreichen.

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Dokument erstellt am 2007-05-25 13:34:50
Letzte Änderung am 2007-05-25 13:55:00



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