• vom 04.05.2007, 16:37 Uhr

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Update: 04.05.2007, 17:14 Uhr

Gedächtnis

Wie Bilder zum Sprechen gebracht werden




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Von Bernhard Kathan

  • Das "Museum der Erinnerungen", ein Projekt von Eva Brunner-Szabo und Gert Tschögl, beschäftigt sich mit den Möglichkeiten des menschlichen Gedächtnisses.

Eine Fotografie wie diese löst beim Betrachter eine Fülle von Assoziationen aus. Foto: Aus dem genannten Buch

Eine Fotografie wie diese löst beim Betrachter eine Fülle von Assoziationen aus. Foto: Aus dem genannten Buch Eine Fotografie wie diese löst beim Betrachter eine Fülle von Assoziationen aus. Foto: Aus dem genannten Buch

Wenn es wirklich einen entscheidenden Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt, dann findet er sich in der Erinnerung, in der Fähigkeit, subjektiv oder kollektiv Erlebtes zu tradieren. Nun bedeutet Erinnern keineswegs die bloße Konservierung vergangener Erlebnisse oder Ereignisse. Insbesondere die Beschäftigung mit der NS-Zeit hat uns bewusst gemacht, dass Erinnern immer mit Umschreibungen und Übersetzungsleistungen zu tun hat - und auch, dass sich das Vergessen oft genug als Erinnern tarnt. Die Vergangenheit muss sich in die Gegenwart fügen, oder anders gesagt, die Vergangenheit wird im Akt des Erinnerns von einem gegenwärtigen Standpunkt aus geschaffen. Wir haben es mit einem Paradox zu tun. Jedes Erinnern sagt mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit.

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Dies macht das "Museum der Erinnerungen" deutlich, ein Projekt von Eva Brunner-Szabo und Gert Tschögl. Die beiden arbeiten mit Amateurfotografien, die sie auf Flohmärkten gekauft oder auf Dachböden gefunden haben. Unterschiedlichste Rezipienten wurden von ihnen eingeladen, Fotos aus dieser Sammlung schriftlich zu kommentieren. Auf diese Weise werden die Bilder "dem reader zur Entschlüsselung angeboten, um den Fotografien eine Bedeutung zurückzugeben" .



Selbstvergewisserung
Amateurfotografie dient der Selbstvergewisserung, der eigenen Erinnerung. Verständlicherweise fehlen bei den meisten solcher Aufnahmen Angaben über Datum und Ort der Aufnahme, Angaben zu den abgebildeten Personen oder dem dokumentierten Ereignis. Amateurfotografen vertrauen diesbezüglich auf ihr eigenes Gedächtnis, vor allem denken sie nicht daran, dass sich später einmal andere für die von ihnen gemachten Fotos interessieren könnten. Ohne nähere Angaben sind solche Fotos von fraglichem dokumentarischen Wert, können sie - wie Roland Barthes schreibt - doch "nicht sagen, was sie zeigen" .

Durch das Fehlen jeglicher Bilderklärungen werden die Fotos für die Betrachter zu Projektionsflächen, evozieren Assoziationen unterschiedlichster Art. Wie sich aus den Klecksen eines Rohrschach-Tests sehr viel, und zwar sehr Unterschiedliches herauslesen lässt, so auch aus solchen Fotos. Man könnte auch sagen, die Fotos dienen als Erinnerungshilfen. Man könnte diesbezüglich ebensogut mit anderen Materialien arbeiten - mit Geruchsobjekten, mit Kernseife, Pitralon oder ähnlichem.

Die ausgewählten Fotos sind in der Zwischenkriegszeit, während des Zweiten Weltkrieges oder in den ersten Jahren danach entstanden. Allein dadurch stellt sich die Frage nach der Vergangenheit. Um einige Beispiele zu nennen: Ein Ringelspiel auf einem Kirtag; dicht gedrängte, an Nähmaschinen sitzende Frauen (keine blickt in die Kamera); Soldaten der Wehrmacht neben einer Hausruine und einer Feldküche; eine Frau mit Fleischerbeil posiert neben Schweinehälften; ein Zeppelin. Es finden sich Alltagsszenen wie Bilder von einem Waschtag neben Fotos, die unzweifelhaft mit Krieg, Vertreibung und Tod zu tun haben. Auf einem der Fotos ist ein Erhängter zu sehen.

Aus den meisten dieser Fotos lässt sich anhand von Details vieles herauslesen, gleichzeitig sind sie in ihrer Aussage mehrdeutig. Timm Starl: "Gesehen werden bestimmte frühere Begebenheiten oder solche, die in ähnlichen Situationen stattgefunden haben. Es fällt ein, was beobachtet und gehört, von anderen erzählt, auf anderen Aufnahmen gesehen wurde. Erkannt wird, worauf man seinerzeit verzichten musste. Und schließlich finden die Gedanken auch zu Erscheinungen, die gar nicht im Bild auftauchen." Die Kommentare reichen von fragmentarischen Notizen bis hin zu ausführlichen Situationsbeschreibungen und Erlebnisberichten.



Das Bild als Anlass
Eine Frau berichtet etwa in einer szenisch dichten Beschreibung, wie sie als Kind ihre Angst vor einem russischen Major verloren hat. So wird dem Foto tatsächlich existenzielle Bedeutung zurückgegeben, mag es mit der konkreten Kindheitserinnerung auch nur in einem indirekten Zusammenhang stehen.

In manchen Kommentaren ist der Bildinhalt von völlig untergeordneter Bedeutung, nur Anlass über etwas ganz anderes zu sprechen. Während sich manche an das genaue Datum erinnern können, an dem sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Zeppelin sahen, nimmt eine Frau die Abbildung eines Zeppelins zum Anlass, über das Älterwerden und über die Hausbesuche einer jungen Krankengymnastin zu schreiben, darüber, dass sie selbst gerne noch einmal fünfzig Jahre jünger wäre, eben so alt wie diese. Mit dem Zeppelin, also mit dem Abgebildeten, hat dies nur insofern zu tun, als sie der jungen Frau über eine Zeppelinlandung und den Absturz der "Hindenburg" erzählt hat. Das Beispiel zeigt in besonderer Weise, wie sich in der Erinnerung Vergangenes und Gegenwärtiges mischt, selbst erlebte Erfahrungen mit solchen, über die man - wie über den Absturz der "Hindenburg" - nur durch Erzählungen oder Zeitungsberichte etwas wissen konnte.

Das Entscheidende liegt nicht in der "richtigen" Deutung der Bilder. Die Kommentare geben denn auch mehr Aufschluss über heutige Interpretationen und Assoziationen, über Befindlichkeiten der Rezipienten. Eine Frau kommentiert das Foto mit dem Erhängten mit den beiden Sätzen: "So ein Bild habe ich auch. Das ist so ein Friedhofsweg, und ich hab ein blaues Kleid angehabt." Da wirft nicht nur das Bild, sondern auch die hinzugefügte Erinnerung Fragen auf. Andere wiederum sind bemüht, Fotos historisch einzuordnen und zu deuten. Sieht man von einer Aufnahme ab, auf der jemand sein Elternhaus erkennt, findet man zumeist nur vage Zuordnungen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2007-05-04 16:37:47
Letzte Änderung am 2007-05-04 17:14:00



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