• Artikel vom 15.12.2006, 15:56 Uhr

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Eine Galaxie, größer als unsere Milchstraße, rast unaufhaltsam auf uns zu - mit 430.000 km/h.

Andromeda im Anflug


Von Christian Pinter

Der Andromedanebel. Wie man jüngst heraus fand, muss M32 - das ist das rundliche Gebilde am rechten Bildrand - vor 210 Millionen Jahren durch ihn hindurch geschossen sein. Foto: Johannes Schedler

Der Andromedanebel. Wie man jüngst heraus fand, muss M32 - das ist das rundliche Gebilde am rechten Bildrand - vor 210 Millionen Jahren durch ihn hindurch geschossen sein. Foto: Johannes Schedler Der Andromedanebel. Wie man jüngst heraus fand, muss M32 - das ist das rundliche Gebilde am rechten Bildrand - vor 210 Millionen Jahren durch ihn hindurch geschossen sein. Foto: Johannes Schedler

Noch ist Messier-31 nur ein harmloser, unscheinbarer Nebelfleck am Abendhimmel: Im Herbst und im Winter erahnt das Auge den zarten Schimmer nahe der Hüfte der Andromeda. Die gleichnamige, an Felsen gekettete Prinzessin wäre fast einem Meeresungeheuer geopfert worden. Denn ihre Mutter hatte frevlerisch geprahlt, schöner zu sein als die 50 Töchter des griechischen Meeresgottes Nereus.

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Simon Marius musterte Andromedas Nebel 1612 erstmals im Fernrohr. Er verglich ihn mit dem schwachen und blassen Glanz einer Kerzenflamme, die er aus großer Distanz "durch ein durchscheinendes Stück Horn" betrachtete. 1771 nahm Charles Messier den Lichtfleck in seinen berühmten Nebelkatalog auf. Fern der Stadt ist der längliche, matte Messier-31 (kurz "M31") leichte Beute für das Fernglas.



500 Milliarden Sterne
Andromeda hält uns den Spiegel vor. Ihr prominenter Nebel ist selbst eine gigantische Milchstraße, sogar mächtiger als unsere eigene. Dort leuchten 500 Milliarden Sterne in einer rotierenden Scheibe von 130.000 Lichtjahren Radius. Doch weil das Licht dieses Sternenmeeres 2,5 Millionen Jahre braucht, um uns zu erreichen, verkommt es zum kosmischen "Glühwürmchen".

Obwohl unsere Milchstraße kaum halb so ausgedehnt ist, verliefen Geburt und frühe Entwicklung ähnlich. Beide Systeme haben ausgedehnte Spiralarme, die typisch für zwei Drittel aller Galaxien sind. Die Rotation der gigantischen Welteninseln sorgt nämlich für wandelnde Dichtewellen, die kalten Wasserstoff komprimieren. Die verdichteten Gaswolken klumpen und gebären so haufenweise junge Sterne. Die heißesten und hellsten Sonnen strahlen in leicht bläulichem Ton. Sie regen das umgebende Gas zu rosafarbigem Leuchten an - sowohl in den Spiralarmen von M31 als auch in jenen unserer Galaxis.

Nach 1749 fand man mit M32 und M110 zwei Begleiter des Andromedanebels. Mittlerweile hat man dort ein gutes Dutzend von Satellitengalaxien entdeckt. Die beiden bekanntesten beschrieb Fernão de Magellan, als er 1519 in den Südpazifik vorstieß. Am Südhimmel erkennt man zwei seltsame Lichtflecke, "Kleine" und "Große Magellansche Wolke" genannt. Die beiden Minigalaxien in 200.000 Lichtjahren Abstand wurden einst von unserer Milchstraße eingefangen und gleichsam "in Ketten" gelegt. Alle 1,5 Milliarden Jahre umrunden sie das galaktische Zentrum einmal und werden dabei aufgerieben.

Die Milchstraße ist von einem gigantischen kugeligen Halo umhüllt, der aus Überresten "verschluckter" Zwerggalaxien gespeist wird. Dort findet man zweihundert Kugelsternhaufen, in denen sich jeweils Hunderttausende von uralten Sonnen zusammen drängen: Die Sternendichte ist darin tausendmal höher als gewöhnlich. Während die Milchstraße gerade eine Zwerggalaxie im Schützen verspeist, raubt sie deren Kugelsternhaufen - unter anderem den M54: Sternfreunde nehmen dieses lichtschwache, 80.000 Lichtjahre entfernte Himmelsobjekt immer wieder ins Visier.



Zwerggalaxienkerne
Manche Kugelsternhaufen sind überhaupt nur freigelegte Kerne längst verdauter Zwerggalaxien: Dazu zählt vermutlich auch das Paradeobjekt Omega Centauri. Einer der jüngst entdeckten Sternströme zieht sich 30.000 Lichtjahre weit vom Kopf des Löwen bis ins Herz des Großen Bären.

Selbst der bloß 37 Lichtjahre entfernte Arcturus, der helle Hauptstern der Konstellation Bootes, könnte einer fremden, längst verspeisten Zwerggalaxie entstammen. Arcturus zieht in hohem Tempo an uns vorbei. Ny in der Jungfrau und Dutzende schwächere Sternchen begleiten ihn. Vermutlich hat sich unsere Galaxis in den letzten zwölf Milliarden Jahren mehrere hundert Zwerggalaxien einverleibt - ein typischer Vorgang in der Galaxienentwicklung. Der Andromedanebel hatte ähnlich großen Appetit. Die beiden galaktischen Kannibalen wuchsen und wuchsen. Mittlerweile haben sie selbst ein Auge auf einander geworfen!

Erste Hinweise darauf fand eigentlich schon Vesto Slipher, der ab 1912 Nebelspektren anfertige. Bei vielen Spiralnebeln waren die Spektrallinien gegen Rot verschoben. Jene von M31 zogen aber gegen Blau - was auf eine fortwährende Verringerung des Nebelabstands hinwies. Doch damals betrachteten etliche Astronomen Spiralnebel noch als kleine Gebilde innerhalb unserer Milchstraße, die ihnen als die einzig existierende Galaxie galt. Erst 1924 gelang es Edwin Hubble, leuchtkräftige Sterne im Andromedanebel zu isolieren und so dessen wirkliche Distanz und Größe abzustecken.

Die vorherrschende Rotverschiebung in den Nebelspektren zeigte: Die meisten Galaxien scheinen voreinander zu fliehen. Ursache ist die Expansion des Universums. Nur im Umkreis von jeweils wenigen Dutzenden Millionen Lichtjahren überwiegt die gegenseitige Anziehungskraft. Benachbarte Milchstraßen sind deshalb aneinander gebunden. Sie formen Gruppen, Haufen oder noch größere Strukturen im All. Unsere lokale Gruppe, etwa fünf Millionen Lichtjahre weit, umfasst rund 50 bekannte Zwerggalaxien. Den eigentlichen Kern bilden drei große Spiralnebel: M33 im Dreieck, der Andromedanebel M31 und unsere Galaxis. Die beiden letztgenannten rasen mit 120 km pro Sekunde aufeinander zu. In drei Milliarden Jahren werden sie zusammen stoßen.




Schlagwörter

Astronomie, Weltraum

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2006-12-15 15:56:44
Letzte Änderung am 2006-12-15 15:56:00


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