• vom 30.09.2006, 00:00 Uhr

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Nationalsozialismus

Gerichtstag für das NS-System




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Von Rolf Steininger

  • Vor sechzig Jahren wurden nach 218 Verhandlungstagen die Urteile im Nürnberger Prozess verkündet.

Die Anklagebank im Nürnberger Prozess: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel (vorne v.l.n.r.); Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel (hinten v.l.n.r.). Foto: Archiv

Die Anklagebank im Nürnberger Prozess: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel (vorne v.l.n.r.); Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel (hinten v.l.n.r.). Foto: Archiv Die Anklagebank im Nürnberger Prozess: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel (vorne v.l.n.r.); Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel (hinten v.l.n.r.). Foto: Archiv

Den Schauder, mit dem die Welt dieses System betrachtet, können wir am besten deutlich machen, indem wir die Naziführer ergreifen und vor Gericht bringen, ebenso auch die Instrumente des Terrorsystems, etwa die Gestapo. Die Strafe muss schnell und streng erfolgen und wird dem deutschen Volk vor Augen führen, dass wir entschlossen sind, dieses Pestgeschwür ein für allemal auszubrennen."


Das hatte der amerikanische Kriegsminister Henry L. Stimson am 5. September 1944 an Präsident F. D. Roosevelt vorgeschlagen. Anfang Mai 1945 beauftragte Roosevelts Nachfolger, Harry S. Truman, Bundesrichter Robert Jackson damit, die Anklage von führenden Naziverbrechern vor einem internationalen Militärgericht vorzubereiten. In einem Memorandum an den Präsidenten beschrieb Jackson seine Aufgabe so: "Wir haben eine schwere Verantwortung zu tragen. Wir müssen danach trachten, dass unser Vorgehen in diesen unsicheren Zeiten dazu beiträgt, auf der ganzen Welt das Interesse an einer strafferen Durchsetzung international geltender Rechte und Verhaltungsregeln zu wecken, um jenen den Krieg zu vergällen, in deren Händen sich die Macht und das Schicksal ganzer Völker befinden."



Jagd auf Naziverbrecher
Kaum dass der Weltkrieg zu Ende war, begann die Jagd alliierter Sonderkommandos auf Naziverbrecher. Am 8. August 1945 - zwei Tage nach Abwurf der Atombombe auf Hiroshima - unterzeichneten Vertreter der vier Siegermächte in London ein "Abkommen über die Verfolgung und Bestrafung der Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achse" und ein "Statut für den internationalen Militärgerichtshof".

Am 18. Oktober trat dieser internationale Gerichtshof in jenem Saal des ehemaligen Volksgerichtshofes in Berlin zusammen, in dem dessen berüchtigter Präsident Freisler den Schauprozess gegen die Männer des 20. Juli abgehalten hatte.

Am 20. November wurde das "Tribunal der Sieger" in Nürnberg, der ehemaligen "Stadt der Reichsparteitage", fortgesetzt. Die Anklage gegen die Hauptkriegsverbrecher lautete: Verschwörung gegen den Frieden, Verbrechen gegen den Frieden, Verletzung der Kriegsrechte und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop war am 14. Juni verhaftet worden. Robert Ley, der Führer der Deutschen Arbeitsfront und Reichsorganisationsleiter der NSDAP, hatte sich unter dem Namen Ernst Distlmeyer in den bayrischen Alpen versteckt; noch vor Beginn des Prozesses erhängte er sich im Nürnberger Untersuchungsgefängnis.

Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer", hatte sich als harmloser Kunstmaler namens Sailer getarnt; durch Zufall wurde er auf einem Bauernhof in der Nähe von Berchtesgaden entdeckt. Franz von Papen, "Steigbügelhalter Hitlers", ehemals Reichskanzler, unter Hitler Vizekanzler und Botschafter in Wien und Ankara, wurde von Soldaten der IX. US-Armee in einer Jagdhütte in Westfalen aufgespürt.

Der Generalgouverneur von Polen, Hans Frank, der "Henker von Polen" und "Judenschlächter von Krakau", wurde am 6. Mai in einer Gruppe von 2000 Gefangenen entdeckt. Er schnitt sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf, wurde gerettet und nach Nürnberg gebracht.



Rosenberg und Speer
Auf der Suche nach dem SS-Führer Heinrich Himmler stießen britische Truppen am 19. Mai in der Marinekriegsschule Flensburg-Mürwik, die als Lazarett diente, auf eine andere Parteigröße: Alfred Rosenberg, NS-Weltanschauungstheoretiker und ehemaliger Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Gemeinsam mit Karl Dönitz gingen am 23. Mai Wilhelm Keitel, Alfred Jodl und der Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Albert Speer, in Gefangenschaft. Der Reichsinnenminister Wilhelm Frick wurde in der Nähe von München von Offizieren der VII. US-Armee aufgegriffen, ebenso Fritz Sauckel, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz und Verantwortliche für die Deportation von mehreren Millionen Zwangsarbeitern.

Nach Baldur von Schirach, einst Reichsjugendführer, zuletzt Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar von Wien, wurde nicht gefahndet. Die Amerikaner glaubten irrtümlich, er sei tot. Unerkannt arbeitete er unter dem Namen Richard Falk bei einer amerikanischen Dienststelle in Tirol als Dolmetscher. Als am 5. Juni der Rundfunk meldete, alle HJ-Führer würden verhaftet und die gesamte Hitlerjugend angeklagt werden, stellte er sich freiwillig.

Am 6. Mai nahmen die Franzosen den Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Constantin von Neurath, fest. Am 11. Mai wurde Walter Funk, Reichswirtschaftsminister und Generalbevollmächtigter für die Kriegswirtschaft, in Berlin verhaftet. Am 15. Mai griffen amerikanische Truppen Ernst Kaltenbrunner auf, den Leiter des gefürchteten Reichssicherheitshauptamtes, der maßgeblich an der "Endlösung der Judenfrage" beteiligt gewesen war.

Arthur Seyß-Inquart, Reichskommissar für die besetzten Niederlande, wurde von kanadischen Soldaten auf einem deutschen Schnellboot entdeckt. Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht konnte partout nicht verstehen, warum die Amerikaner ihn verhafteten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2006-09-30 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-09-29 14:17:00



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