• vom 17.07.2006, 16:20 Uhr

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Update: 09.08.2006, 12:25 Uhr

1703-1779

Die älteste Zeitung der Welt




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Von Alfred Schiemer

  • Die "Wiener Zeitung" steht für österreichische Pressegeschichte pur. Das am 8. August 1703 als "Wiennerisches Diarium" gegründete Blatt kann mit Fug und Recht als Geburtsstätte des österreichischen Journalismus bezeichnet werden: Der in der frühesten Phase der Zeitung als Mitarbeiter bzw. Redakteur tätige Hieronymus Gmainer (ca. 1663-1729) trug als Erster im ganzen Land die Berufsbezeichnung "Zeitung-Schreiber".

Das bis 1857 in privater Hand stehende Blatt hatte bis 1721 den Drucker Johann Baptist Schönwetter als Herausgeber; er brauchte wie praktisch alle seine damaligen Kollegen auf dem europäischen Kontinent die Genehmigung des Herrschers für seine verlegerischen Aktivitäten, ebenso war er strenger Zensur unterworfen. Das "Wiennerische Diarium", dessen Titel im Gefolge einer Art Rechtschreibreform ein "n" verlor (auch aus "Wienn" wurde im frühen 18. Jahrhundert "Wien"), fungierte somit nach heutigen Begriffen in gewisser Weise als Hofzeitung. Da das Blatt jedoch nicht vom kaiserlichen Hof selbst herausgegeben wurde, gab es von Anfang an Möglichkeiten, vor allem im Rahmen der internationalen Berichterstattung gute Publizistik zu betreiben - gemessen an der Situation im Absolutismus.


Der erste "Diarium"-Verleger nutzte den bescheidenen Freiraum weniger; sein Nachfolger, der 1722 das "Wien(n)erische Diarium" übernehmende polyglotte Drucker Johann Peter van Ghelen (1673-1754), setzte stark auf das Ziel einer breiteren Information des Publikums. Natürlich war dieser Weg im Bereich der vom Hof völlig kontrollierten Inlandsberichterstattung versperrt, bei den Auslandsnachrichten hingegen tat sich manches Tor auf. Vor allem die Berichte aus Paris und London atmen eine freiere Atmosphäre, als sie in Wien unter Kaiser Karl VI. herrschte.

Der hochgebildete Unternehmer van Ghelen packte jedoch auch auf dem wirtschaftlichen Sektor an. Ihm war klar, dass in Wien in den 1720er-Jahren nur Platz für eine einzige bedeutende Zeitung war; die Kaiserstadt und die habsburgischen Erblande konnten sich ökonomisch nicht mit Westeuropa vergleichen, was z. B. die Entwicklung des Anzeigenwesens hemmte. Drucker van Ghelen kaufte daher kurzerhand ein Konkurrenzblatt und vereinigte es mit dem "Diarium". Gleichzeitig bemühte sich der Verleger mit Erfolg um mehr öffentliche Einschaltungen. Ab 1728 kam der Vorläufer des heutigen Amtsblattes heraus.

Das bedeutete einigermaßen Sicherheit für die Existenz des Blattes, das in kleinem Format ("Gebetsbüchel-Format") zweimal in der Woche - entsprechend den beiden "Posttagen" (an den anderen Tagen gab es keine Postzustellung und auch kaum Nachrichten aus anderen Ländern) in Wien - gedruckt wurde.

Die Erben van Ghelens konnten auf dieser Basis aufbauen. Die Herausgeberfamilie nutzte die Position des "Diarium" für neue publizistische Unternehmungen, so wurde zum Beispiel 1766 eine im Sinne der Aufklärung agierende Beilage ("Gelehrte Nachrichten") ins Leben gerufen. Freilich mussten Verleger wie Redaktion des Öfteren Rückschläge in Kauf nehmen. Oft fehlte in der rückständigen Monarchie schlicht die entsprechende Leserschaft.



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2006-07-17 16:20:59
Letzte Änderung am 2006-08-09 12:25:00



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