
In Lyon ging die Polizei mit Tränengas gegen rund 50 Jugendliche vor, die Verkaufsstände und Fahrzeuge beschädigten. Auf die zentrale Moschee von Lyon schleuderten Unbekannte eine Brandbombe, die jedoch nicht zündete. Erstmals verhängten die Behörden in der Stadt am Abend eine Ausgangssperre für das Zentrum sowie zehn Vororte. Am Sonntagnachmittag zwischen 14.00 Uhr und 19.00 Uhr galt in Lyon ein Versammlungsverbot.
Im südfranzösischen Carpentras wurde ein brennendes Auto gegen eine Schule gerollt, ein weiteres gegen die Seitenwand eines Altenheims. Auf ein Geschäft wurden Brandsätze geworfen, das Feuer konnte jedoch schnell wieder gelöscht werden. In Blangnac bei Toulouse brannte am Samstagabend ein Elektromarkt nieder. Augenzeugenberichte deuteten auf Brandstiftung hin, teilte die örtliche Präfektur mit. In einem Pariser Vorort wurde ein Polizist leicht verletzt, als eine Metallkugel von einer Wohnung aus auf ihn gefeuert wurde. Insgesamt kam es aber zu deutlich weniger Zwischenfällen als in den Nächten zuvor.
"Die Dinge könnten sich sehr, sehr schnell beruhigen", sagte Polizeichef Michel Gaudin am Sonntag in Paris vor Journalisten. Landesweit brannten in der Nacht 374 Autos, ein Viertel weniger als in der Nacht zuvor. 212 Menschen wurden festgenommen, wie die Polizei mitteilte. Zwei Polizisten erlitten Verletzungen.
Im Zentrum von Paris patrouillierten Tausende Polizisten. Bis Sonntag früh galt, auch wegen des Fußball-Länderspiels Deutschland gegen Frankreich am Samstagabend, ein Versammlungsverbot. Trotz eines Aufrufs zur Gewalt im Internet und via SMS gab es nach Angaben der Polizei keine außergewöhnlichen Zwischenfälle.
Sarkozy verteidigte seine umstrittene Ankündigung, ausländische Randalierer auszuweisen. Damit könne schon Anfang der Woche begonnen werden. "Wenn man in Frankreich mit einer Aufenthaltsgenehmigung leben will, muss man sich an die Gesetze halten".
Einer Umfrage zufolge glauben 72 Prozent der Franzosen nicht, dass Staatspräsident Jacques Chirac die sozialen Ursachen in den Griff bekommen wird, die den Krawallen zu Grunde liegen. 25 Prozent trauten dies aber dem Rechtspopulisten Jean-Marie le Pen zu, wie eine Umfrage der Zeitung "Le Journal du Dimanche" ergab. Je 50 Prozent der Befragten äußerten Vertrauen in Premier Dominique de Villepin und Innenminister Nicolas Sarkozy.
Nach Ansicht des ehemaligen sozialistischen Erziehungsministers Jack Lang (PS) ist das französische Integrationsmodell trotz der gegenwärtigen Unruhen "paradoxerweise ein Erfolg". Der Abgeordnete sagte am Sonntag im britischen Rundfunk BBC, das "Scheitern kommt nicht vom französischen Modell, sondern von der schlechten Regierungspolitik, die eine Klassenpolitik führt".
Der ehemalige sozialistische Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn machte gar den Vorschlag, eine Ausgangssperre über Sarkozy zu verhängen, um eine "Zunahme der Spannungen" in den Vorstädten zu vermeiden. "Man hat das Gefühl, dass sich der Innenminister immer aufregen muss, um sicher zu sein, im Rampenlicht zu stehen", sagte Strauss-Kahn im Hörfunk "Radio J" und fügte hinzu: "Man fragt sich, über wen man heute das Ausgangsverbot verhängen muss. All jene, die eine Zunahme der Spannungen verursachen können, sollten zur Seite gestellt werden."
Auch Strauss-Kahn verurteilte Sarkozys Bezeichnung der Vorstadtjugend als "Gesindel" und "Ganoven" als "Provokation". "Er soll seine Arbeit machen", sagte der Sozialist in Bezug auf den Innenminister, dessen Besuch auf den Champs-Elysees am Samstag er als "besonders überraschend" bezeichnete. Bei dem Anlass war der Innenminister mit Buh-Rufen und Beschimpfungen empfangen worden.
Krawalle in Belgien und den Niederlanden
Während die Gewalt in Frankreich allmählich nachzulassen schien, meldeten die Behörden in Belgien in der Nacht auf Sonntag 29 zerstörte Autos, Busse und Lastwagen. Nach einem Gerangel zwischen Jugendbanden und Polizisten wurden am Samstagabend in Brüssel 50 Personen festgenommen. Im niederländischen Rotterdam zündeten Jugendliche vier Wagen an und schleuderten einen Molotowcocktail auf ein Haus in einem Arbeiterbezirk.