Die Klagen über den Misswuchs unserer Wirtschaft nehmen zu. Kapitalismuskritik ist hochmodern. Die angeblich hilfreichen Rezepte allerdings wecken zwiespältige Erinnerungen: Deficit spending zur Ankurbelung lahmender Konjunktur führt zu lähmender Verschuldung, Milderung des Lohngefälles treibt Konzerne in Billiglohnländer, Stärkung des Sozialstaates bewirkt dasselbe, Verschärfung von Umweltgesetzen steigert Kosten und mindert internationale Konkurrenzfähigkeit.
Ein genereller Wegfall der Handelsbarrieren gegenüber den Entwicklungsländern würde viele traditionelle Wirtschaftszweige in den Industriestaaten an den Rand des Ruins treiben, wie das in etlichen traditionellen Sparten bereits geschehen ist. Der angestrebte materielle Wohlstand für alle Erdenbürger beschleunigt die Ausplünderung natürlicher Ressourcen.
Wo immer eine Arznei verabreicht wird, zeigt sie giftige Nebenwirkungen, wie ja auch der Neoliberalismus und die Globalisierung insgesamt ein höchst janusköpfiges Bild abgeben. Es ist daher an der Zeit, über die Phase der Problembeschreibung, des Weltuntergangbeschwörens und der quacksalberischen Symptombehandlung hinaus zu gelangen und eine systemische Kur zu entwickeln, wie das vielerorts ja bereits gemacht wird. Zu allererst muss aber die dem Kapitalismus innewohnende Eigendynamik verstanden werden.
Smith versus Marx
Die klassische Wirtschaftstheorie betrachtet den Kapitalismus als ein System, das sich durch Angebot und Nachfrage selbst reguliert. Das durch den freien Wettbewerb geförderte individuelle Gewinnstreben sei unabdingbare Voraussetzung für den Wohlstand. Privateigentum und Wettbewerb würden "wie von einer unsichtbaren Hand" (Adam Smith) zum Wohle der Gesellschaft gelenkt, staatliche Einflussnahme und Lenkung seien der Wohlfahrt abträglich.
Karl Marx behauptete jedoch das genaue Gegenteil. Aggressiver Kapitalismus setze den Grundgegensatz von Kapital und abhängiger Arbeitnehmerschaft voraus. Das Kapital befinde sich in den Händen einiger weniger Großkapitalisten, die unselbständig Beschäftigten verharrten in Ohnmacht und Unwissenheit. Diese Voraussetzungen treffen heutzutage freilich nicht mehr zu: Immer mehr Unternehmensanteile (Aktien) sind im Besitz "kleiner Leute", die vermittels Veranlagung ihrer Spar- und Rentenguthaben allmählich selbst zu Kapitalisten werden.
Es gibt zahlreiche Apostel des Neokapitalismus, die allesamt darauf schwören, man brauche nur noch etwas Geduld, um zu erleben, wie die Smithsche unsichtbare Hand den Weltenlauf so bestimmen würde, dass Armut, Ungerechtigkeit, Krankheit und Krieg verschwänden. Der Streit zwischen den Jüngern des Individuellen, der ungesteuerten Konkurrenz, und jenen der Ganzheit, des Kollektiven, ist so alt wie die Lehre von der Nationalökonomie. Er nimmt derzeit allerdings wieder an Intensität zu und wird zu einer Walstatt für die Fundamentalisten beider Lager.
Innovation als Ursache
Die Zahl der Erdenbürger hat mit dem Sprung von 0,5 auf 6 Milliarden in den letzten 400 Jahren zwölfmal mehr zugenommen als in den 300.000 Jahren zuvor, seit dem ersten Auftreten des Homo sapiens. Diese explosionsartige Zunahme ist drei Entwicklungen zu verdanken, die etwa gleichzeitig erfolgten:
1. Künstlichen Düngemitteln, wodurch es zu einer Vervielfachung der Nahrungsquellen kam.
2. Der Energie fossiler Brennstoffe und damit einer Vervielfachung der Arbeitskraft und -geschwindigkeit von Maschinen.
3. Heilmitteln und medizinischem Fortschritt, wodurch ein längeres Leben einer immer größeren Zahl von Menschen garantiert wurde.
Parallel dazu vollzogen sich tiefgreifende Revolutionen auf dem Gebiete des Verkehrs, der Kommunikation und der Waffentechnik. All dies führte zu soziologischen, politischen und weltanschaulichen Verwerfungen, welche in zwei weltumspannende Kriege mündeten.
Soziale Innovationen erzeugten als politisches Produkt den Kommunismus, der ein halbes Jahrhundert lang eine scharfe Auseinandersetzung mit seinem Widersacher, dem Kapitalismus, führte und diese schließlich aufgrund wirtschaftlichen Versagens verlor. Seither beherrscht der Neoliberalismus, begleitet von Globalisierung, fast die gesamte Welt. Ausnahmen sind nur Kuba und Nordkorea, die den Zusammenbruch des Kollektivismus noch etwas hinauszögern können, sowie Festland-China, das dessen Nachteile durch eine Liberalisierung der Ökonomie - unter Beibehaltung des politischen Systems - auszugleichen sucht.
Zehn große, einander widerstrebende, weltweite Tendenzen sind zurzeit zu beobachten:
1. Deregulierung der Weltwirtschaft.
2. Bildung von neuen, kontinentalen, wirtschaftlichen Einheiten.
3. Zunahme des regionalen Egoismus (neuer Nationalismus); Hegemoniestreben der USA.
4. Zusammenschluss von Konzernen zu weltumspannenden Einheiten.
5. Zunahme der Gründungstätigkeit von kleinen Unternehmen (Networking, Clusters).
6. Abnahme der Autorität und Macht von Regierungen.
7. Zunehmende Abhängigkeit der Organisationen von ihrem inneren Klima.
8. Zunahme des Umweltbewusstseins.
9. Verteidigung der Rechte der Schwächeren durch sozialistische Parteien in ideologisch unsicherer Form und durch neue Gruppen (NGOs).