Lotterie ist was für die Armen. Sagt der Vater. "Der Zufall." Sagt der Vater. "Der vermaledeite Zufall." Sagt der Vater. "Wir sind aber nicht arm." Sagt der Vater. "Wir brauchen auch das Glück nicht. Wir sind unglücklicherweise selbst das Glück und das bedeutet schwere Arbeit. Ha!" Sagt der Vater. "Oh", sagt die Mutter und schaut sehnsüchtig an die Decke. "In der Lotterie gewinnen, wäre glücklicherweise ein Unglück." Sagt der Vater. "Oh, sicher", sagt die Mutter und lächelt. " Das Glück ist gar kein Glück." Sagt der Vater wieder und holt sich eine Zeitung. "Geld schadet nicht. Geld ehrt." Sagt die Mutter und holt sich ein Strickzeug. " Oh, sicher schadet Geld. Es ist eine Last, die mein Rücken nicht aushält." Sagt der Vater. "Ja, deshalb." Sagt die Mutter und setzt sich die Brille auf. "Ja, deshalb was?" Sagt der Vater und hebt den Kopf weiter in die Höhe hinauf, in Richtung Zimmerdecke, um besser Zeitunglesen zu können. "Ein Lottogewinn würde uns die Luft besser sehen lassen." Sagt die Mutter und strickt. "Was für ein Unsinn". Sagt der Vater und wischt sich die Augen mit der Zeitung: "Ist das Problem des Geldmachens ausgelöscht, steht der Mensch nackt vor sich selbst. Dann gibt es keine Ausreden mehr. Dann ist einer mit seinen Wegen und Zielen am Ende." Er wischt sich solange die Augen, bis sie tränen und die Zeitung naßmachen. "Daß man keine Zeit hätte, daß man müde ist, daß man schlechtgelaunt ist. Wegen der Arbeit." - "Ich könnte auf das Arbeiten verzichten. Ich würde das Schöne tun." - "Erzige Krüge und samtene Kerzen? Viele türkisfarbene Sterne? Hand ans Meer legen? Nach drei Wochen kippt die Zeit in die Länge, stößt an ihr eigenes Ende und schleicht nur noch im Kreis." - "Nein, nie mehr braten, kein Staubsaugen, aber im Fächer weißer Tischtücher, geschliffener Gläser und seidener Servietten liegen!" Der Vater tut so, als läse er angestrengt Zeitung. "Die Oper! Theater! Wertvolle Deckengemälde!" - "Damit kannst du gar nichts anfangen. Du würdest dich überflüssig und dumm fühlen." Sagt der Vater in die Zeitung hinein. "Ich weiß mehr als du denkst! Ich könnte Gesangsunterricht nehmen, ich könnte Klaviere klingeln lassen!" - "Und wirst doch keine berühmte Opernsängerin mehr." - "Es wäre mir gleich, ob ich eine berühmte Opernsängerin wäre - ich will singen!" - "Eine berühmte Opernsängerin bist du nie gewesen! Diese Gegenwart würde den luntenbunten Singsang traurig unter dem Tisch fallen lassen." - "Ich wollte immer schon und tue und singen!" - "Für dich? Für uns? Und jetzt kannst du nicht singen?" - "Kein Richtig und kein Gewichtig - ich würde es gern schwertun. Und du könntest eine Menge Leute bezahlen, daß sie für uns das Haus bauen". - "Ich will nicht, daß andere Leute unser Haus bauen." - "So könnte Veronika schneller Rollschuhweltmeisterin werden!" - Beide blicken plötzlich auf den Teppich. Dann macht es irgendwo: Bumm: "Wozu brauche ich Geld? Ich liebe es, mit den Bäumen zu sprechen, mit den Tieren, mit den Pflanzen. Ich wüßte nicht, was hier das Geld zu suchen hätte. Immer will es was. Das Geld. Ich brauche dieses Unglück nicht. Ich liebe mein Unglück! Außerdem würde es uns nur auseinanderbringen. Du mit deinen Pianisten und Sängern und der Oper! Alles ein verfluchter Scheißhaufen!" - "Das ist nicht wahr." - "Dann ist es eben falsch." - Der Vater will ein Blatt der Zeitung umschlagen, als sei es grün und zerknittert es dabei. "Ich langweile mich nicht - mit einem Haufen Geld würde ich mich aber langweilen. Der würde meine ganze Plackerei lächerlich machen! Und wenn wir eine Weltreise machten, würde das Haus von den Bäumen und Gräsern überwachsen. Und die Schnecken würden sich über die Erdbeeren hermachen. Meine ganze Plackerei würde einfach von Baum, Gras und Schnecke überflutet!" - "Wir könnten es verkaufen!" - "Verkaufen? Mein Leben verkaufen? Wenn ich mein Leben anderen in die Hände drücke, werden sie es mißhandeln. Nein! Ein Lottogewinn wäre das größte Mißgeschick, das uns passieren könnte. Außerdem hat es was von gestohlenem Geld. Die Armen haben dort eingezahlt und dann bekommen einige wenige alles. Die Reichen zahlen dort nichts ein. Die Armen krönen sich ihren König, den Gewinner der Woche - damit sie den zum Verehren haben, der sie selber sein könnten. Das ist der Trick. Und nie werden sie es sein. Die Zahlen haben ihre eigenen Gesetze. Das ist eine andere und gläserne Welt. Und daß die dann in einem Regen aus Geld bei uns niedergeht, ist verkehrt. Seit wann hat Reichtum mit Geld zu tun? Alles eine Erfindung. Es müßte anders verteilt werden. Daß viele wenig bekommen." - "Das geht nicht. Wenn jeder drei Mark einzahlt, dann kann nicht jeder eine Million bekommen. Und es gibt eben weniger Treffer. Das heißt Glück, das heißt Schicksal. Und der, der es bekommt, der wird es schon irgendwie "verdient" haben." - "Verdient? Ich bin sicher, so ein Lotteriegewinn hat schon viele Leben zerstört. Meistens gewinnen die, die nichts damit anfangen können. Außerdem verlierst du jeden Sinn für die Realität." - "Realität? Was ist denn das? So könnte man wenigstens den Gewinn an die Armen verteilen - wenn du es schon nicht willst." - "Dich heilig fühlen? Das fehlte noch!" - "Genau. Das fehlt. Keiner müßte mehr arbeiten. Wenn einer will, kann er ja tun und lassen, was er will. Aber es würde niemand dazu gezwungen!" - "So ein blödes Herumgesinge. Ohne Zwang macht keiner nichts und schläft nur noch und schaut nur noch auf die samtene Oberfläche der Wasserlöcher. Und dann wird dir irgendwann kalt. Was Meer. Schaukelndes Totsein. Sich die Haut vom eigenen Leben abziehen. Nur noch in wachstropfenden Kleidern, nur noch im Mondlicht baden und den Fischen beim Schwimmen auf die Finger schauen." - "Aber nein! Wir könnten einen Rosengarten anlegen!" - "Ich bevorzuge Äpfel", brummt der Vater und versucht, sich von der Zeitung überrumpeln zu lassen.