• vom 02.09.2005, 16:22 Uhr

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Update: 02.09.2005, 16:37 Uhr

Kunst

Heißes und kaltes Sprechen




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Von Emil Brix

  • Ein Plädoyer für mehr Leidenschaft und Emotionen in der Kunst und in Kunstdebatten

Das Kunstwerk der slowenischen Künstlerin Marjetica Potrc, "This Than That. Maja sent this vase" zeigt eine Vase, die aus den Resten einer Granate gemacht ist, die auf Sarajewo gefallen ist. Foto: Archiv

Das Kunstwerk der slowenischen Künstlerin Marjetica Potrc, "This Than That. Maja sent this vase" zeigt eine Vase, die aus den Resten einer Granate gemacht ist, die auf Sarajewo gefallen ist. Foto: Archiv Das Kunstwerk der slowenischen Künstlerin Marjetica Potrc, "This Than That. Maja sent this vase" zeigt eine Vase, die aus den Resten einer Granate gemacht ist, die auf Sarajewo gefallen ist. Foto: Archiv

Im allgegenwärtigen Kultur- und Festspielland Österreich mit seiner wunderbaren touristischen Umwegrentabilität bin ich mir des Frevels der Frage, ob wir Kunst eigentlich brauchen, durchaus bewusst. Die westliche zeitgenössische Kunst und ihre Interpreten scheinen insgesamt mehr an Strukturen und Ordnungen interessiert zu sein als am Hervorrufen von Gefühlen und deren Offenhalten als unverzichtbarer Horizont des Menschlichen. Warum möchte die heutige Kunstszene eher den Verstand als das Gefühl ansprechen und wie steht es um aktuelle Gegenbewegungen?

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Der englische Humanist Francis Bacon beginnt seinen Essay "Of Love" (1625) mit der Warnung, dass die Leidenschaften besser bei den Künsten als im Leben angesiedelt werden sollten, weil man nicht gleichzeitig lieben und weise sein kann: "The stage is more beholding to love than the life of man. For as to the stage, love is ever matter of comedies and now and then of tragedies; but in life it doth much mischief, sometimes like a Siren, sometimes like a Fury" . ("Die Bühne ist für die Liebe geeigneter als das Leben der Menschen. Denn auf der Bühne ist die Liebe immer ein Anlass zu Komödien, und gelegentlich auch zu Tragödien; im Leben jedoch richtet sie viel Schaden an, manchmal als Sirene, manchmal als Furie.") Diese Arbeitsteilung war bereits in Platons Ideen über den Staat formuliert worden und wurde seit der Renaissance zum Programm und seit der Aufklärung zum Erfolgsmodell westlicher Zivilisation.

Moderne Rationalität

Künstler aus Ost- und Südosteuropa mit ihren "heißen" Erfahrungen aus einer anderen europäischen Wirklichkeit haben eine andere, emotionalere Kunstsprache entwickelt. "Außerhalb meiner Selbst" heißt dieses Exponat von Mariela Gemisheva, das in der Ausstellung "Blut & Honig. Zukunft ist am Balkan" in der Sammlung Essl im Jahr 2003 zu sehen war. Foto: APA/Gemisheva

Künstler aus Ost- und Südosteuropa mit ihren "heißen" Erfahrungen aus einer anderen europäischen Wirklichkeit haben eine andere, emotionalere Kunstsprache entwickelt. "Außerhalb meiner Selbst" heißt dieses Exponat von Mariela Gemisheva, das in der Ausstellung "Blut & Honig. Zukunft ist am Balkan" in der Sammlung Essl im Jahr 2003 zu sehen war. Foto: APA/Gemisheva Künstler aus Ost- und Südosteuropa mit ihren "heißen" Erfahrungen aus einer anderen europäischen Wirklichkeit haben eine andere, emotionalere Kunstsprache entwickelt. "Außerhalb meiner Selbst" heißt dieses Exponat von Mariela Gemisheva, das in der Ausstellung "Blut & Honig. Zukunft ist am Balkan" in der Sammlung Essl im Jahr 2003 zu sehen war. Foto: APA/Gemisheva

Der Kunst und dem sozialen Leben waren damit getrennte Plätze zugewiesen. Beim Nachdenken über die Frage, was den Westen und was Europa ausmacht, kommt daher das Wort "Leidenschaft" in der Regel nicht vor. In den bürgerlichen und in den marxistischen Gebrauchsformen der Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts ging es im Wesentlichen um die Rationalisierung und damit Bändigung von Leidenschaften. Dies sollte nach Max Weber alle Lebensbereiche, auch Kunst und Kultur, umfassen: ". . . was letzten Endes den Kapitalismus geschaffen hat, ist die rationale Dauerunternehmung, rationale Buchführung, rationale Technik, das rationale Recht, aber auch nicht sie allein; es musste ergänzend hinzutreten die rationale Gesinnung, die Rationalisierung der Lebensführung . . ." Als Beweis der Erfolge der Rationalisierung nannte Weber 1910 in einem Aufsatz "Über die rationalen und soziologischen Grundlagen der Musik" die Polyphonie und den Kontrapunkt.

Heißes Sprechen deutet auf Emotion und Subjektivität, wie dies Francis Bacon als Domäne der Kunst beschrieben hat . . . Foto: dpa

Heißes Sprechen deutet auf Emotion und Subjektivität, wie dies Francis Bacon als Domäne der Kunst beschrieben hat . . . Foto: dpa Heißes Sprechen deutet auf Emotion und Subjektivität, wie dies Francis Bacon als Domäne der Kunst beschrieben hat . . . Foto: dpa

Dabei ist "Leidenschaft" eine Voraussetzung für die Staatsform der Republik; politische Denker von Thomas Paine bis Jean Jacques Rousseau erklärten sie zur notwendigen Tugend in einer gerechten politischen Ordnung. Das "heiße Sprechen und Denken" von möglichst vielen Bürgern wurde seit dem 18. Jahrhundert zum Prinzip und Motor gesellschaftlicher Erneuerung. Aufforderungen zur "Zivilcourage" und zur "Partizipation" sind ein Ausdruck dafür, neben den Mut, den eigenen Verstand zu verwenden, auch den Mut zum eigenen Handeln zu setzen.

Für die Kunst bedeuteten die Entscheidungen der Renaissance, Aufklärung und Moderne, wie der postmoderne Soziologe Daniel Bell formulierte, dass in der westlichen Kultur eine immer spürbare Trennung von Gesellschaftsstruktur (Wirtschaft, Technologie, Politik) und Kultur (symbolischer Ausdruck von Sinngehalten) entstand, somit eine Trennung von Zivilisation und Kultur. Die Gesellschaftsstruktur wurde von funktionaler Rationalität und Effizienz bestimmt, die Kultur von der "Rechtfertigung der Steigerung und Überhöhung des Selbst" . Die künstlerische Moderne hat sich dem nicht entzogen, sondern verstand sich als eine "antibürgerliche Kultur", die die Herrschaft der Rationalität kritisch begleitete.

Aber sie ging noch einen Schritt weiter. Sie reagierte im 20. Jahrhundert auf die Brüchigkeit eines Konzepts bedingungsloser Rationalität durch eigene Rationalitätsangebote. Die Moderne, als Konzept rationaler politischer Ordnung, wird heute allerdings zunehmend relativiert, wie dies in den Begriffen der Post-, Nach- oder Zweiten Moderne zum Ausdruck kommt. Damit wird auch in der Kunst zunehmend fraglich, ob das moderne Prinzip, dass Kunst vor allem an der Konstruktion der Realität mitarbeitet, noch eine angemessene Reaktion auf die Veränderungen darstellt.

Was bedeuten diese historischen Anmerkungen für das Thema der Leidenschaften in der Kunst der Gegenwart? Als Historiker orientiere ich mich zunächst an den beiden "Großtheorien", die im Westen nach 1989, nach dem Ende des Kalten Krieges, entstanden sind.

Sind wir, wie Francis Fukujama vermutet hat, am "Ende der Geschichte" angelangt, oder hat Samuel Huntington Recht, der seit Jahren im "Kampf der Kulturen" die Ordnung der Zukunft sieht? Dazu gibt es viele politikwissenschaftliche Analysen, die mehr oder wenig überzeugend erklären, dass beide nicht Recht haben. Ich möchte anhand einiger Bemerkungen zur Kunst Hinweise geben, warum es zum Verständnis von Kunst und Kultur dennoch gut täte, beide Bücher zu lesen - oder nochmals zu lesen.

Die These von Fukujama bedeutet, dass das Paradigma der Moderne - Kunst sei historisch und daher zum Fortschritt fähig, und sie sei ein fester Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklungen und damit weniger der Emotion als der Ratio verpflichtet - nicht mehr ohne weiteres hilfreich ist. Die These von Huntington bedeutet für die Kunst so ziemlich das genaue Gegenteil. Kunst schafft die Mythen der Differenzierung oder macht sie zumindest wieder glaubwürdig. Sie ist daher prinzipiell mehr der Emotion als der Ratio verbunden und kann dies nur unter Verlust ihres Publikums leugnen.

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Schlagwörter

Kunst, Kunsttheorie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2005-09-02 16:22:15
Letzte Änderung am 2005-09-02 16:37:00


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