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Update: 22.07.2005, 10:52 Uhr

Canetti

Subjektive Wissenschaft




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Von Konrad Paul Liessmann

  • Überlegungen zu Elias Canettis Hauptwerk "Masse und Macht"

"Alle Arme kommen wie aus ein und demselben Geschöpf."(Elias Canetti über die Masse) Foto: Mikes

"Alle Arme kommen wie aus ein und demselben Geschöpf."(Elias Canetti über die Masse) Foto: Mikes "Alle Arme kommen wie aus ein und demselben Geschöpf."(Elias Canetti über die Masse) Foto: Mikes

Als Elias Canettis Hauptwerk "Masse und Macht" im Jahre 1960 erschien, dürfte es als Anachronismus empfunden worden sein. Duktus und Vokabular verwiesen Canettis voluminösen Text an die Seite der großen Wissenschaftsprosa der Jahrhundertwende: Gustave Le Bon, Sigmund Freud, Ortega y Gasset. Immer wenn von "Masse und Macht" die Rede ist, fallen diese Namen irgendwann - außer bei Canetti selbst.


In der Tat speist sich Canettis Interesse am Thema der Masse aus Beobachtungen, die auch Ortegas großen Essay inspirierten: das Phänomen des Erscheinens von Menschenmassen im Zuge der Industrialisierung, ihr Auftritt als anonymes und dennoch machtvolles, neues politisches Subjekt. Während aber bei Ortega das Ressentiment des souveränen und distanzierten Kulturphilosophen stets präsent ist, entspringt Canettis Lebensthema zutiefst persönlichen Erfahrungen. Schon als Kind will er Massenaufläufe in Bulgarien erlebt haben, als Knabe dann in England nach dem Untergang der Titanic, später in Wien nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.

Sein entscheidendes Massenerlebnis aber hat Elias Canetti beim Brand des Wiener Justizpalastes am 15. Juli 1927. Alles was die Figur der Masse später für ihn kennzeichnen wird, will er in diesen Momenten sozusagen am eigenen Leibe erfahren haben: "Ein für allemal hatte ich hier erlebt, was ich später eine offene Masse nannte . . . Ich erkannte, dass die Masse keinen Führer braucht, um sich zu bilden, den bisherigen Theorien zum Trotz."

Dieses Massenerlebnis wird für Canetti später zum Schlüssel seines Geschichtsverständnisses: "Es ist das Nächste zu einer Revolution, was ich am eigenen Leib erlebt habe. Seither weiß ich ganz genau, ich müsste kein Wort darüber lesen, wie es beim Sturm auf die Bastille zuging. Ich wurde zu einem Teil der Masse, ich ging vollkommen in ihr auf, ich spürte nicht den leisesten Widerstand gegen das, was sie unternahm. Es wundert mich, dass ich in dieser Verfassung dazu imstande war, alle konkreten Einzelszenen, die sich vor meinen Augen abspielten, aufzufassen."

Seit dieser Erfahrung hatte Canetti es sich zur Aufgabe gemacht, "herauszufinden, was Masse ist, und seit 1931 noch dazu, wie Macht aus Masse entsteht" . Damit hörte er jedoch ein für allemal auf, Bestandteil der Masse zu sein. Das identifikatorische Gefühl des 15. Juli musste in dem Moment gebrochen sein, in dem sich ein Erkenntniswille bemerkbar machte - und sei es nur dadurch, dass keine Einzelheit verloren ging.

Das Wesen der Masse

Elias Canettis Typologie der Masse ist keine beschreibende, sondern eine ontologisierende. Er fasst die Masse als einen Korpus, ein Wesen eigenen Rechts, an dem bestimmte Eigenschaften abgelesen werden können. " Der Drang zu wachsen, ist die erste und oberste Eigenschaft der Masse. Sie will jeden erfassen, der ihr erreichbar ist. Wer immer wie ein Mensch gestaltet ist, kann zu ihr stoßen. Die natürliche Masse ist die offene Masse." Wo Masse, dort Wachstum. Wo aber Wachstum, dort letztlich wieder Zerfall. Dagegen schützt sich die geschlossene Masse durch die Betonung ihrer Grenze. Sie wächst nicht, aber sie hat Bestand. Sie sichert diesen Bestand durch die Wiederholung ihrer selbst in ritualisierten Versammlungen aller Art.

Der wichtigste Vorgang aber, der sich nach Canetti innerhalb einer Masse abspielt, ist die Entladung, "der Augenblick, in dem sich alle als gleiche fühlen", ungeachtet der Unterschiede des Standes, Ranges oder Besitzes. Jede Idee von Gleichheit wurzelt für Canetti in diesem Massenerlebnis. Individuen als solche sind immer ungleich. Erst wenn sie in der Masse verschwunden sind, gleichen sie einander. Es sind nicht die rational konstruierten Menschenrechte, die diese Gleichheit verbürgen, sondern die Auflösung des einzelnen Menschen in einen Zustand personeller Entgrenzung.

Die Provokation dieser Überlegung verschärft sich noch, will man mit Canetti annehmen, dass die Entladung eine Richtung braucht, ein Ziel, das nicht selten destruktiv ist. Die Masse unterliegt einer "Zerstörungssucht" , deren innerstes Motiv die Beseitigung aller Grenzen, die Aufhebung aller Distanzen ist. Wer sich außerhalb der Masse stellt, wird zum Objekt dieser Zerstörung. Mit eindringlichen Worten schildert Canetti die tatsächliche Unwiderstehlichkeit einer Hetzmasse, deren Ziel das Ende aller Individualität ist. Alle sind dabei, alle schlagen zu, "alle Arme kommen wie aus ein und demselben Geschöpf". Dass die Individualität verschwindet, demonstriert die Hetzmasse auf doppelte Weise: ihr Opfer, das vernichtet werden soll, ist ein Individuum, und wer sich an dieser Hetze beteiligt, hat aufgehört, ein solches zu sein. Es gibt keine individuelle Verantwortlichkeit mehr. Nicht zuletzt darin liegt die Attraktion der Hetzmasse: Das Unternehmen ist gefahrlos, weil Anonymität und Überlegenheit zusammenfallen. Dann konstatiert Canetti nüchtern: "Ein gefahrloser, erlaubter, empfohlener und mit vielen anderen geteilter Mord ist für den weitaus größten Teil der Menschen unwiderstehlich."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2005-07-22 10:36:31
Letzte Änderung am 2005-07-22 10:52:00



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