Unfreiwillige Ironie steckt im Namen: Ausgerechnet ein "Wüstenbuch" präsentieren die Festwochen, am Ende eines auch heuer kargen Opernprogramms. Tja: Bis das Festival von seinem Selbstverständnis als Bauchladen für Theater aus aller Welt abrückt, wird der (heuer nur mit drei Stücken bediente) Opernfan wohl auf Intendant Markus Hinterhäuser warten müssen. Sprich: bis 2014.
Was nicht heißt, dass dieses "Wüstenbuch" ein kulturpolitischer Treppenwitz wäre. Denn es hat Flair. Zumal im profanen Umfeld seiner Wien-Premiere. Während im Innenhof des Museumsquartiers Jugendhorden bierselig schnattern, präsentiert die Halle E einen Zoo der einsamen Seelen: Christoph Marthaler, Regiespezialist für Stunden der grotesk wahren Empfindung, lässt seine havarierten Gestalten wieder einmal über die Bühne schleichen und schlingern.
Zombie-Parade im Keller
Diesmal in einer Art lyrisch überhöhtem Heartbreak Hotel. Zombies der Unbeträchtlichkeit, starr auf ihrer Matratze, leiden da den Einzelzimmer-Blues. Und im Keller darunter: eine Art Souterrain des Bewusstseins. Da übersteht eine Frau einen Vergewaltigungsversuch auf dem muffigen Sofa, hockt eine andere vor einem Wohlstandsschreck namens verdörrte Zimmerpflanze. Und eine Parade der gesamten Zombie-Kolonie lehrt schließlich das Gegenteil einer Literaturverfilmung aus Frankreich, nämlich: Zusammen ist man noch mehr allein. Im Marthaler-Universum mag das alles zwar nicht ganz neu sein. Wie sich auf der Bühne von Duri Bischoff aber immer wieder Poesie aus Alltagsgesten herausschält, das ist doch faszinierend.
Die Wüste frisst ihre Schöpfer
Musiktheater ist das geworden, weil Beat Furrer, Spezialist fürs einfühlsam Filigrane, zur Feder gegriffen hat. Auch er bleibt seiner Handschrift treu und durchwirkt den Orchesterpart (Klangforum Wien) mit fein ädrigem Gezirp. Und weil er mit Marthaler eng zusammengearbeitet hat, entsteht trotz Handlungs-Vakuum über weite Strecken ein Musik-Theater der organischen Sorte.
Einerseits versteht es Furrer, die Poesie zu befördern: Zu den Stammel-Versen am Beginn rankt sich der Klang wie die herbeigesehnte blaue Blume. Und andererseits integriert er die Stimmlaute, bald gesprochen, bald kehlenausrenkend hoch gesungen, in seine subtilen Farbmischungen. Lebensbejahende Worte aus einer Papyrusrolle sind darunter, weltverlorene von Ingeborg Bachmann, entfremdete von Händl Klaus. Die Wüste: Sinnbild einer Entrückung. Aber freilich auch Sinnbild der Leere. Das ganze Leben? Nur Beschäftigungstherapie, suggerieren die Darsteller.
Diese Ödnis beginnt nur leider, auch irgendwann am Zauber des Abends zu knabbern: Die Wüste frisst ihre Schöpfer. Vergeht die erste Stunde - nicht zuletzt dank mannigfaltiger Vokal-Konstellationen - im Flug, stecken die letzten 30 Minuten wie im Treibsand.
Was einerseits am monotonen Stop-and-Go-Verkehr auf der Bühne liegt. Zum anderen aber auch daran, dass Furrer nebst Finessen - die oft noch aus Fortissimo-Momenten herausfunkeln - auch Gemeinplätze der Neuen Musik beschert. Und die erreichen irgendwann eine kritische Masse. Gewiss, in der Wüste ist es hell. Dennoch kein Grund, gleißende Klangflächen inflationär einzusetzen. Und auch an den handelsüblichen Sounds aus dem tiefen Holz kann man sich satthören. So endet ein Abend des Zartgefühls doch mit gewissen Abstumpfungs-Erscheinungen. Ein ausgewachsener Premieren-Applaus ist es dennoch geworden - nach längerer Anlaufphase.
Musiktheater
Wüstenbuch
Museumsquartier/Halle E
Tel.: 0800/664010; Wh.: 18. Juni